Zara holt John Galliano: Der Designer entwirft aus alten Kollektionen neue Mode
Die Modemarke Zara beginnt, sich selbst ernst zu nehmen. Nicht als Lieferant von Trends, sondern als Träger einer eigenen Geschichte. Diese Geschichte wird nun bearbeitet. Und zwar von jemandem, der genau darin seine Stärke hat.

Die Mode liebt ihre Ironien, aber selten sind sie so präzise gesetzt wie in diesem Fall. John Galliano, jener Designer, der einst aus Stoffen ganze Epochen destillierte, tritt in einen Dialog mit Zara, einer Marke, die jahrzehntelang davon lebte, den Moment schneller zu erkennen als alle anderen. Es ist ein Treffen zweier Zeitlogiken: hier das geduldige Erzählen, dort die kalkulierte Beschleunigung.
Und doch geht es in diesem Projekt ausgerechnet um Vergangenheit. Galliano soll in Zaras Archive eintauchen, in jene sedimentierten Schichten aus Kollektionen, Trends und Entscheidungen, die ursprünglich nie dafür gedacht waren, bewahrt zu werden. Fast Fashion kennt kein Gedächtnis, sondern Rotation. Dass dieses Gedächtnis nun aktiviert wird, markiert den eigentlichen Bruch. Der Begriff „Re-Autorenschaft“ wirkt dabei wie der Versuch, eine Operation sprachlich einzuhegen. Tatsächlich beschreibt er einen radikaleren Vorgang. Kleidung wird nicht zitiert, sondern auseinandergenommen. Schnitte verschieben sich, Proportionen kippen, Bedeutungen werden neu gesetzt. Galliano arbeitet nicht dekorativ, sondern analytisch. Er liest Zara gegen den Strich. Die Kollektionen sollen künftig saisonal erscheinen, die erste im September.
Von Stefano Pilati bis Galliano: Zara als kultureller Akteur
Diese Zusammenarbeit fällt jedoch nicht vom Himmel. Galliano ist nicht der erste, der bei Zara andockt. Namen wie Stefano Pilati, Narciso Rodriguez, Samuel Ross und Ludovic de Saint Sernin markieren bereits eine Entwicklung. Doch Galliano ist der bislang bedeutendste Zugriff – nicht nur wegen seines Namens, sondern wegen der Tiefe seiner Methode. Denn Zara betreibt seit einigen Jahren eine stille, aber konsequente Verschiebung.
Unter Marta Ortega Pérez, Tochter des Firmengründers und heutige Vorsitzende des Inditex-Konzerns, wird aus der schnellen Marke ein kultureller Akteur. Das 50-jährige Jubiläum wurde nicht mit Rabatten begangen, sondern mit Kreativen wie Steven Meisel, Pierpaolo Piccioli und Pieter Mulier. Es ging um Begehren, nicht um Ware.
Auch jenseits der Kleidung wird dieses neue Selbstbild gepflegt: Duftlinien mit Jo Malone, Raumkonzepte von Ramdane Touhami, Architektur von Vincent Van Duysen. Selbst ein Café wird Teil der Erzählung.
Parallel dazu kuratiert Ortega Ausstellungen mit Fotografen wie Annie Leibovitz. Zara wird zur Bühne. Galliano fügt sich in diese Strategie ein, aber er übersteigt sie auch. Seine Arbeit bei Dior war Exzess, bei Maison Margiela Analyse. Nun trifft beides auf ein System, das Kontrolle perfektioniert hat. Dass solche Allianzen heute möglich sind, ist kein Zufall. Designer wechseln zunehmend in die sogenannte High Street. Namen wie Clare Waight Keller bei Uniqlo oder Zac Posen bei Gap zeigen, dass der alte Gegensatz bröckelt.
Galliano bei Zara ist daher weniger Ausnahme als Symptom. Vielleicht sogar eine logische Konsequenz. Denn wenn die Straße beginnt, Luxus zu denken, und Luxus verlernt, relevant zu sein, treffen sich beide irgendwann in der Mitte. Und genau dort beginnt diese Geschichte.




