Die Goth-Barbie

Ob bei der Met Gala oder der Oscar-Verleihung: Stars wie Kim Kardashian, Rosalía oder Margot Robbie tragen ihre Kleider und machen Dilara Findikoglu zu einer der gefragtesten Designerinnen der Branche.

Von Silke Wichert
Collage mit Designerin Dilara Findikoglu sowie Celebrity-Looks von Anya Taylor-Joy, Rosalía und weiteren Stars in ihren Designs.

Fotos: Getty Images/Collage: Bee Kunzmann

Wenn Dilara Findikoglu sich als „Barbie Girl“ bezeichnet, ist das einigermaßen irreführend. Die Londoner Designerin mit türkischen Wurzeln ist weder blond noch hat sie ein Faible für pinkfarbenes Zeug. Ihre Haare sind dunkel mit Vollpony, ihr Teint ist leichenblass; sie trägt viel Schwarz und Rot, und das gern in derart sexy-morbiden Ausführungen, dass sie allenfalls als nicht jugendfreie „Goth-Barbie“ durchginge. Aber Findikoglu meint damit vielmehr, dass sie die Puppen von klein auf sammelte, ihnen neue Kleider schneiderte – und das Kinderzimmer bald nicht mehr wie ein Barbie-, sondern wie ein Dilara-Reich aussah.

Noch heute stehen in ihrem Apartment einige Puppen im Regal; eine mit viktorianischem Korsett, eine in schwarzem Bondage-Latex, eine Cruella mit Pelzstola, eine Rockstar-Barbie, daneben eine Piratenbraut aus dem 18. Jahrhundert und eine Glamrock-Debbie-Harry-Figur. Das sei der Mix, aus dem sie gemacht sei, sagt die 35-jährige Findikoglu – vor allem aber ist es der Mix, aus dem ihre Mode gemacht ist. Und für die ­wurde die Designerin im Dezember bei den British Fashion Awards (BFA) mit dem „The Vanguard Award“ ausgezeichnet. Auf der Website der BFA heißt es: „Mit diesem Preis wird ein Modemacher ausgezeichnet, der an der Spitze einer neuen Welle in der britischen Fashion-Szene steht.“

Designerin Dilara Findikoglu trägt ein schwarzes Korsettkleid aus Lederoptik beim BoF 500 Event.

Die türkisch-britische Designerin trägt viel Schwarz und Rot – das spiegelt sich auch in ihren Kreationen wider. Foto: Getty Images

Schon länger geehrt wird Findikoglus Mode von den Stars. Kim Kardashian zog vor Kurzem gleich ein halbes Dutzend Male Dilara an, wie das Label kurz genannt wird; beispielsweise eine weiße Robe mit Fäden aus Sicherheitsnadeln an Dekolleté und Saum, eine nudefarbene Latex-Nummer mit viktorianischem Spitzenlayer darunter, ein schwarzes Schlangen­lederkleid mit diversen Schnürelementen, ein durchsichtiges Mieder, das mit vielen Glitzerketten und noch mehr gutem Willen zum vollwertigen Kleidungsstück wird. In so eine Heavy Rotation kommt man als Marke normalerweise nur, wenn man dafür bezahlt – oder wenn jemand die Designs unbedingt tragen will. Auch Stars wie Margot Robbie, Cate Blanchett oder Addison Rae sah man bereits in Findi­koglus Entwürfen. Zuletzt trat Rosalía in einem nude-schwarzen Tüllkleid mit dekonstruiertem Mieder auf. Die spanische ­Sängerin wird für ihr neues Album „Lux“ gefeiert; sie stilisiert sich dazu betont neospirituell mit Nonnenhaube, viel Weiß, düsterem Gothic-Flair und Rosenkranzschmuck. Da passte Dilaras schwarze Magie geradezu perfekt ins Bild.

Wie Dilara Findikoglu mit Rebellion die Modewelt eroberte

Findikoglu studierte wie so viele andere berühmte Designschaffende am renommierten Central Saint Martins College. Allerdings wurde ihre Abschlusskollektion 2015 nicht für die große ­Modenschau während der London Fashion Week nominiert. Trotzig veranstaltete sie kurzerhand ihre eigene Guerilla-Show, und zwar genau am Ausgang der offiziellen Präsentation. Damit erreichte sie mindestens so viel Aufmerksamkeit wie die anderen Jungdesigner. Ein paar Jahre später war es ihre Kollektion, die zu den wenigen Höhepunkten der London Fashion Week gehörte. Rebellieren, provozieren, sich durchbeißen – das ist gewissermaßen Findikoglus Spezialdisziplin. 

Sie wuchs in Istanbul in einer streng traditionellen Familie auf. Starke Frauen mit eigenen Ansichten und eigenen Plänen waren hier nicht vorgesehen. Findikoglus ältere Schwester wurde mit 20 Jahren verheiratet, die großen Brüder achteten darauf, dass das Nesthäkchen abends nicht ausging oder sich mit Jungs traf. Beides machte sie natürlich trotzdem. Daraufhin wurden die Jungs verprügelt, sie erhielt Hausarrest. Immerhin eine gute Bildung sollten die Töchter genießen: Findikoglu besuchte eine italienische Privatschule und wurde ermutigt, zu studieren – doch dass es ausgerechnet Mode in London sein sollte, an der Schule, wo schon John Galliano ausgebildet worden war, damit hatten die Eltern nicht gerechnet. Zähneknirschend ließen sie das Mädchen gehen. Heute sind sie dem Vernehmen nach stolz auf ihr schwarzes Schaf, bei den Modenschauen sitzen die Geschwister meist im Publikum, und man wüsste zu gern, was ihnen beim Anblick der sehr säkularen Entwürfe durch den Kopf geht. Da war etwa die Show 2022 in einem halb verfallenen Haus in Soho – keine Musik, nur das Hallen der Absätze und das Geraschel der Stoffe. Man fühlte sich von dieser „Victorian Streetwear“ mit engen, scharf geschlitzten Kleidern an geisterhaften Models an die Entwürfe des jungen Alexander McQueen erinnert. 

Sängerin Rosalía trägt ein transparentes weißes Kleid von Dilara Findikoglu bei der Vanity Fair Oscar Party.

Rosalía – Foto: Getty Images

Kim Kardashian trägt ein schwarzes Lederkorsettkleid von Dilara Findikoglu bei einem Modeevent.

Kim Kardashian – Foto: Getty Images

Schauspielerin Jenna Ortega trägt ein schwarzes Gothic-Kleid von Dilara Findikoglu auf dem roten Teppich.

Jenna Ortega – Foto: Getty Images

Anya Taylor-Joy trägt ein rotes Federkleid von Dilara Findikoglu auf einem Fashion-Event.

Anya Taylor-Joy – Foto: Getty Images

Cate Blanchett trägt ein kunstvolles Kleid mit Muscheln und Perlen von Dilara Findikoglu.

Cate Blanchett – Foto: Getty Images

Ein Jahr später, in einer alten Kirche, begann dann endgültig der Dilara-Kult: Damals zeigte sie unter anderem ein Minikleid, über und über mit Haarklemmen besetzt; fast wie die Rüstung einer modernen Kämpferin. Die anwesenden Stylisten nahmen sofort Notiz: erstklassiges Showstopper-Material. Das Problem mit solchen Kleidern: Sie sorgen zwar für jede Menge Aufsehen und Klicks, „zahlen aber nicht die Miete“, wie Findikoglu damals der „New York Times“ erzählte. Die Show eine Saison zuvor hatte sie kurzfristig absagen müssen, weil sie sich die hohen Kosten für Models, Location und Produktion schlichtweg nicht leisten konnte beziehungsweise wollte.

Warum Kim Kardashian und Rosalía jetzt Dilara Findikoglu tragen

Fast alle Entwürfe sind aufwendige Maßanfertigungen. Mal lässt Findikoglu Materialien aus der türkischen Heimat einflechten, verarbeitet Vintageseide, besetzt eine ­Corsage wie für eine Killer-Nixe mit lauter kleinen Muscheln oder kauft Dutzende antike Silbermesser, die dann wie ein Skelett auf Stoff angeordnet werden. Passenderweise trug Hari Nef dieses „Knife Dress“ zur Premiere des „Barbie“-Films. Aber es fehlten anfangs die „Brot und Butter“-Stücke, die sich auch die „normalen“ Kunden leisten können. Im Onlineshop sind mittlerweile „Corseted Tank Tops“ für rund 700 Euro und ein „Dilara Club“-T-Shirt für 125 Euro zu haben. Auch das Sicherheitsnadel-Kleid aus Baumwolljersey, das Kim Kardashian unlängst trug, ist mit knapp 1.600 Euro im Vergleich zu anderen Entwürfen geradezu günstig. Findikoglu veranstaltet nur noch eine Show pro Jahr und ist laut eigenen Angaben nicht mehr auf Kredite angewiesen.

Vor allem aber hat sich die Bekanntheit der Designerin und ihrer speziellen Ästhetik in den letzten Monaten noch einmal multipliziert. Wegen Kim Kardashian, wegen Rosalía, aber auch, weil diese Mischung aus engen Miedern, die sexy aufgebrochen und mit Rock-Attitüde gekreuzt werden, genau in eine Zeit passt, in der selbstbewusste Frauen sich plötzlich fragen, ob ein Mann an ihrer Seite irgendwie peinlich wirkt. Sie versuche mit ihren Designs stets, das „Maskuline zu zerstören“ und das patriarchale System aufzubrechen, sagt Findikoglu. Für manche sieht das zwar weniger nach Befreiung als vielmehr nach Entblößung aus, aber in der Dilara-Welt ist das Ultrafeminine automatisch „ultra empowered“. Eigentlich doch alles wie bei Barbie …

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