Trenčín und Oulu - zwei Städte, ein Ziel: Kunst weckt Neugier

Wer europäische Kultur erleben möchte, hat die Wahl: mittelalterliche Burgen in Trenčín oder moderne Kunst auf den Eisflächen von Oulu. Zwei Städte, zwei Welten - und beide tragen den Titel „Europäische Kulturhauptstadt 2026“.

Von Yasmin El Mohandes

Oben auf dem Hügel thront die Burg von Trenčín, deren dicke Mauern und Türme seit dem 11. Jahrhundert über die Waag wachen. Wer durch die Altstadt schlendert, merkt schnell: Hier trifft Mittelalter auf Moderne. Alte Fabrikhallen werden zu Ateliers, ein stillgelegtes Kino verwandelt sich in ein Kulturzentrum, und die „Fiesta-Brücke“, eine ehemalige Eisenbahnbrücke, soll bald Treffpunkt für Künstler werden.
Trenčín ist 2026 die zweite slowakische Stadt, die den Titel „Europäische Kulturhauptstadt“ trägt - Košice hatte 2013 den Anfang gemacht. Das bedeutet: Die Stadt zeigt, dass Kreativität, Kultur und regionale Identität nicht nur in großen Metropolen zu Hause sind. Die Eröffnungstage vom 13. bis 15. Februar starten unter dem Motto „Neugier erwecken“ und lassen Besucher in neue, bislang verborgene Orte eintauchen. Interaktive Installationen, Lichtkunst, Musik und Theater wechseln sich mit traditionellen Handwerksvorführungen ab - und das alles mitten in der Stadt.

Die Stadt mit ihren rund 56.000 Einwohnern lebt das slowakische Wort „Pohoda“ - Wohlbefinden - nicht nur auf dem berühmten Musikfestival gleichen Namens, sondern im gesamten Lebensgefühl. Die Burg, einst Bollwerk gegen die Mongolen, wird heute zur Bühne für Theater, Musik und Lichtkunst. Im Matúš-Turm eröffnet sich ein Panorama über Stadt und Tal, während der Brunnen der Liebe kleine romantische Momente verspricht. Wer die Pfarrstufen von 1568 erklimmt oder die römischen Inschriftfelsen am Hotel Elizabeth betrachtet, spürt die Jahrhunderte unter den Füßen - ein seltener Blick auf die antike Präsenz römischer Legionen in Mitteleuropa.

Sakralkultur prägt die Stadt ebenfalls: Die barocke Piaristenkirche St. Franz Xaver, die Pfarrkirche Mariä Geburt und der gotische St.-Michaels-Karner erzählen von Jahrhunderten sakraler Baukunst. Die Synagoge von 1913 beeindruckt mit blauer Kuppel, farbigen Oberlichtern und prunkvollen Kronleuchtern und dient heute als Ausstellungs- und Veranstaltungsraum. Wer mehr über die Region erfahren will, findet im Trenčín Museum am Mierové námestie archäologische Funde, Volkskunst, Glasmalerei, Holzschnitte und die Gemäldesammlung der Familie Illesházy - alles an einem Ort.

Auch der Fluss Váh spielt eine Rolle: Bootstouren eröffnen neue Perspektiven auf Burg und Stadt, Kanus und Schlauchboote laden dazu ein, selbst das Steuer zu übernehmen, und im Sommer lockt das skurrile „Splanekor“-Event mit selbstgebastelten Booten.
Wer das Umland erkundet, trifft auf Burgruinen, Wallfahrtsorte, Natur und kleine Dörfer. Die Burgruine Čachtice erzählt von Elisabeth Báthory und bietet Ausblicke über die Westkarpaten. Skalka verbindet romanische Kirche, ehemaliges Kloster und Höhle der Einsiedler auf einem ausgeschilderten Lehrpfad. Der Miniaturenpark in Podolie zeigt detailreiche Nachbildungen slowakischer Burgen, und das Thermalbad Trenčianske Teplice lädt mit schwefelhaltigen Quellen und historischen Badehäusern zum Entspannen ein. Wanderer und Mountainbiker genießen die Vršatec-Felsen oder die Burg Lednica mit spektakulären Aussichten, während kleine Dörfer wie Čičmany mit kunstvoll bemalten Holzhäusern eine poetische Seite der Region offenbaren.
Praktisch für Reisende: Von Wien aus ist Trenčín in weniger als drei Stunden mit dem Zug zu erreichen.

Rund 1500 Kilometer nördlicher zeigt sich Oulu in einem ganz anderen Licht. Die finnische Stadt mit etwa 220.000 Einwohnern liegt am Bottnischen Meerbusen und gilt als nördlichste Großstadt der EU. Ihr Stadtbild ist eine Mischung aus funktionalen Gebäuden der 1950er- und 1960er-Jahre, dem gelben Dom, historischen Markthallen und modernen Bauten aus Beton und Glas. Wasser prägt die Stadt: eine vorgelagerte Insel beherbergt das Stadttheater und die große Bibliothek, Kanäle und Parks durchziehen die Innenstadt. Oulu ist eine Fahrradstadt: Ein 950 Kilometer langes Radwegenetz verläuft größtenteils abseits des Autoverkehrs, und selbst im Winter werden die Wege freigeräumt, sodass Radfahren zu jeder Jahreszeit möglich ist.

Oulu 2026 steht unter dem Motto „kultureller Klimawandel“. Rund 3000 Veranstaltungen sind geplant, darunter ein Technofestival auf dem gefrorenen Meer, gemeinschaftliche Mahlzeiten an kilometerlangen Tischen und multimediale Installationen im Rathaus, die Frieden thematisieren. Skurrile Ideen gehören dazu: Der Männerchor Mieskuoro Huutajat schreit statt zu singen, im Sommer kehrt die Luftgitarren-Weltmeisterschaft zurück, und ein Sauna-Weltrekord ist geplant. Kultur in Oulu ist nahbar, überraschend und interaktiv.

Besonderer Fokus liegt auf der Kultur der Sámi, des einzigen indigenen Volkes in der EU. Die Sámi-Oper „Ovllá“ erzählt von Identität und Widerstand und feierte ihre Premiere in Oulu, wo die größte Sámi-Gemeinde außerhalb Lapplands lebt. Besucher können hier Museen, Ausstellungen und Veranstaltungen erleben, die die Geschichte und Gegenwart der Sámi sichtbar machen. Natur und Stadt verschmelzen: Inseln, Parks und gefrorene Seen werden zu Bühnen, während Bibliotheken, Cafés und Schiffe als Ausstellungsorte dienen.

Wer heuer zwischen Trenčín und Oulu reist, erlebt zwei völlig unterschiedliche Kulturwelten: Die warme, historische Atmosphäre der mittelalterlichen Burgen und der Altstadt im Herzen der Slowakei, und die arktische, innovative, experimentierfreudige Energie im hohen Norden Finnlands. Beide Städte beweisen, dass europäische Kultur überall stattfinden kann - in alten Mauern, auf Wasserflächen, im Schnee und mitten unter den Menschen.

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