Mehr als ein Zeitmesser: Die Magie der Métiers-d'Art-Uhren

Das Kaliber ist das Herz einer Uhr, das Zifferblatt jedoch ist ihre Seele. Über die beeindruckenden Handwerkskünste der Métiers-d'Art-Modelle.

Von Michelle Mussler

Je mehr Funktionen eine mechanische Uhr besitzt, desto exklusiver und teurer ist sie – so lautet die grobe Regel für Grande-Complication-Uhren, die von Luxusmarken stammen. Der Haute-volee der Sammler und anspruchsvollen Uhren-Liebhaber genügt das jedoch oft nicht: Sie verlangen besonders kreative Preziosen, die entweder Unikate sind oder von denen nur eine Handvoll weltweit existieren. Um genau diese Klientel zu befriedigen und der Kreativität freien Lauf zu lassen, kreieren High-End-Manufakturen sogenannte Métiers-d'Art-Uhren – quasi die Haute-Couture fürs Handgelenk. Dabei handelt es sich um weit mehr als um Schmuckuhren: Vielmehr liegt der Schwerpunkt auf üppig dekorierten Zifferblättern und Gehäusen, auf denen sogar Miniatur-Skulpturen ganze Szenerien darstellen können. Vereinzelt werden sie auch mit raffinierten Funktionen kombiniert.

Métiers-d'Art-Kunden sehen sich auch als Philanthropen, weil sie ein Kulturgut fördern und fast vergessene Handwerkskünste bewahren oder beleben; wieder andere sehen darin schlichtweg eine Wertanlage. Um solche Extravaganzen zu fertigen, sind ein enormes Know-how und viel Aufwand nötig – nur rund ein Dutzend Elite-Manufakturen können diese Uhren herstellen. Cartier, Van Cleef & Arpels und Chanel zählen dazu, ebenso Dior, Hermès, Louis Vuitton, aber auch Chopard, Vacheron Constantin, Ulysse Nardin und Jaeger-LeCoultre. Sie engagieren absolute High-End-Handwerker, eine gewisse Disziplin beherrschen, von denen weltweit oft nur sehr wenige Personen existieren; mit dem Ergebnis, dass man auf manche Métiers-d'Art-Modelle viele Monate warten muss. Mal bringen diese Meisterstücke einen dann zum Staunen, mal zum Schmunzeln oder es kullern sogar Tränen der Rührung – stets lösen sie tiefe Emotionen aus. So auch ihr Preis: mindestens sechsstellig, häufig über eine Million Euro.

Bei Cartier treibt man den kreativen Irrsinn auf die Spitze: Aus Tausenden Goldkügelchen wird da ein Panther oder aus Federn und Blütenblättern ein Papagei kreiert. Nur um das Gesicht eines Panthers plastisch auf ein Zifferblatt zu bannen, kommen mindestens

4.000 Goldkügelchen in zehn verschiedenen Staubkorngrößen zum Einsatz; jede Goldperle wird exakt austariert und auf eine Goldscheibe geschweißt. Das Problem dabei: Wird das Metall zu heiß, schmelzen die Kügelchen und die Arbeit von Monaten ist zerstört. Diese Technik nennt man Granulation, ein geschulter Meister-Goldschmied arbeitet etwa drei Monate lang nur an einem einzigen Zifferblatt. Schon die Etrusker beherrschten die Granulation vor über 2.500 Jahren meisterlich; als Cartier sie für Zifferblätter nutzen wollte, konnte aber niemand die alten Techniken genau erklären – ein Mysterium. Cartiers Kreativteam recherchierte weltweit in Museen und Archiven, sogar Spezialisten des Louvre in Paris konsultierten sie; alles vergeblich. Schließlich forschten Metallkundler fast zwei Jahre, bis man eine Lösung fand.

Als Schmelztiegel, um solche Techniken umzusetzen und neue zu erfinden, übernahm Cartier einen alten Gutshof gleich neben seiner Hightech-Uhrenmanufaktur im schweizerischen La Chaux-de-Fonds.

Nach einer Grundsanierung eröffnete die Marke schon vor zehn Jahren das Haus und taufte es „Maison de Métiers d'Art". Heute arbeiten hier etwa 50 Künstlerinnen und Künstler auf 1.500 Quadratmetern in modernen Hightech-Ateliers und -Labors. Mittlerweile entsprangen über 30 Patente diesem Innovations-Lab und neun verschiedene Handwerksdisziplinen sind hier angesiedelt. Das Emaillieren, bei dem Glaspulver auf einer Metallfläche geschmolzen und erhärtet wird, zudem die Miniaturmalerei, das Gravieren, das Skelettieren und die Intarsienarbeit sowie das Edelsteinfas-sen sind die bekanntesten Künste; ein weiterer Leckerbissen ist die extrem seltene Filigranarbeit, die so fein wie Des-sous-Spitze ist, aber aus hauchdünnen Gold- und Platinfäden geflochten wird.

Bei Van Cleef & Arpels wiederum arbeiten über 100 Leute an den Zeitmes-sern, die mit seltener Handwerkskunst punkten. Der französische Edeljuwelier, der zum Luxusgüterkonzern Richemont zählt, betreibt dafür extra ein Meisteratelier namens „Watchmaking Workshop“ in Meyrin nahe dem Genfer Flughafen. Konkret gehört dieses zum Campus Genevois de Haute Horlogerie, einem Thinktank, den Richemont für 180 Mio. Franken errichtete, damit auch die Schwestermarken wie Roger Dubuis und Vacheron Constantin dort forschen, entwickeln und vor allem junge Talente ausbilden können.

Ähnlich verblüffend geht Hermès, das eine eigene Uhrenproduktion in der Schweiz aufgebaut hat, ans Werk. Jährlich lanciert das Haus eine Métiers-d'Art-Linie für Damen und Herren, in der von jedem Modell nur sechs bis maximal 20 Exemplare gefertigt werden – exklusiver geht es kaum. So galoppiert als Ode an den Reitsport bei der „Arceau Chorus Stellarum“ ein von Hand graviertes Skelett über das Zifferblatt. Sowohl der Reiter als auch das Ross wirken dank ihrer Gravuren und der Champlevé-Emaille besonders plastisch. Zudem sind sie mit Miniaturmalerei dekoriert. Diese zählt zu den schwierigsten Malerei-Disziplinen, da sie so filigran ist, dass sie unter einem Mikroskop mit Pinseln mit nur zwei oder drei Marderhaaren stattfindet.

Auch das französische Luxusimperium LVMH weiß Haute Horlogerie geschickt mit Métiers d'Art zu kombinieren. Mehr noch: Was Louis Vuitton und Dior in ihren Uhren umsetzen, ist faszinierend und spektakulär zugleich. Auch die Jury des Grand Prix de la Haute Horlogerie wurde schon mehrfach überzeugt, obwohl sich beide Marken auf ihre ganz eigene Art kreativ austoben: Auf der „Grand Soir Automate Miss Dior“ sind die persönlichen Leidenschaften von Christian Dior spielerisch vereint: Er liebte das Gärtnern, all die Blumen und ihre herrlichen Düfte, besonders Rosen und Jasmin. Und er verehrte die fleißigen Bienen, weshalb er seine Näherinnen liebevoll „meine Bienen“ nannte. Vor allem jedoch liebte er die unerhört feminine Mode mit schmaler Taille und weiten Röcken, die eine ganze Stilepoche prägten. All das findet sich in üppigen Ornamenten und kleinen Skulpturen aus Emaille, Gold Miniaturmalerei und Edelsteinen auf nur 36 Millimetern wieder.

„Snake's Jungle" von Louis Vuitton ist hingegen eine Hommage an japanisches Kunsthandwerk. Drei berühmte Handwerkskünstler und -künstlerinnen wurden für die Mini-Auflage von nur 20 Exemplaren engagiert. Zwar zeigt die Uhr bloß Stunden und Minuten an, dafür aber besteht allein das Zifferblatt aus 367 Einzelteilen, vier Holzsorten, drei Stroh-und Bambussorten, zwei Pergamentarten und Nephrit-Jade, die als Intarsien nahtlos von Hand zusammengesetzt wurden. Um die Schlange als Skulptur zu modellieren, wurde ihr Körper aus Weißgold herausgeschnitzt, was als Reliefgravur bezeichnet wird, und mit verschiedenen Emaillekünsten verziert.

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