Zeit für Geheimnisse

Sie sind gefällig, geheimnisvoll und alles andere als gewöhnlich: Secret Watches. Vor allem aber sind sie Meister der Täuschung, Ausdruck von besonderem Stil – und bringen einen Hauch von Rebellion.

Von Michelle Mussler

Diamantbesetzte Jaeger-LeCoultre Reverso Secret Necklace mit versteckter Uhr als Halskette.

„Reverso Secret Necklace“ von Jaeger-LeCoultre kombiniert eine diamantbesetzte Halskette mit einer geheimen Uhr im ikonischen Reverso-Design. Foto: Jaeger-LeCoultre

Secret Watches verraten nicht bereits aus zehn Meter Distanz, um welche ­Marke es sich handelt. Vielmehr ko­kettieren sie ein wenig – und sind die wohl stilvollste Rebellion gegenüber dem omnipräsenten Posing mit gän­gigen Armbanduhren. Denn Secret ­Watches sind keine Statussymbole, sondern Stilmittel des femininen Savoire-vivre: Erst auf den zweiten Blick offenbaren sie ihr Geheimnis, das oft nur ihre Trägerin kennt. 

Oberflächlich geben sich diese „geheimen Uhren“ meist als elegantes Schmuckstück – etwa als Ring, Kettenanhänger, Armreif oder Brosche –, doch nachdem man einen versteckten Mechanismus betätigt, wie das Drehen oder Aufklappen einer Edelstein-Abdeckung, erscheint ein kleines Zifferblatt. Ein Juwel mit praktischer Zusatzfunktion sozusagen. Zugleich ermöglichen Secret Watches die wohl vornehmste Art, die Uhrzeit abzulesen – schließlich vermittelt man seinem Gegenüber so nicht den Eindruck des Zeitdrucks oder gar der Langeweile, während man sonst zu offensichtlich auf sein Handgelenk starrt. 

Van Cleef & Arpels überrascht mit der Schmuckuhr „Cadenas“ in Form eines Vorhängeschlosses. Foto: Van Cleef & Arpels

Schmuckstücke mit Zeitanzeige

„Eine Secret Watch ist die ideale Verbindung von hochwertigem Schmuck und Uhrmacherkunst“, erklärt Rainer Bernard. „Sie besitzt eine geheimnisvolle Aura und lässt einen träumen und schwärmen.“ Der Direktor für Forschung und Entwicklung für Uhren bei Van Cleef & Arpels weiß, wovon er spricht – schon seit den 1920er-Jahren wird beim Pariser Nobeljuwelier das Spiel mit Verwandlung und Illusion zelebriert. Geheimnisvolle Uhren versteckte Van Cleef & Arpels sogar in Dekorationsobjekten wie Briefbeschwerern oder in Raucher-Accessoires. „Legendär ist die Kollektion unserer ‚Ludo Secret Watch‘, weil unzählige Varianten quasi jedem Gusto der Damenwelt schmeicheln“, so Bernard. Tatsächlich wurden die ersten Modelle schon vor 90 Jahren lanciert. Heute, nach komplettem Relaunch, werden sie als Kettenanhänger ausgeführt, oder als breites Goldarmband mit einer geschwungenen Schnalle, inspiriert von Gürteln der 1930er-Jahre. Noch facetten­reicher und vor allem farb­intensiver sind die Modellvarianten der „Perlée“-Kollektion. Ihren Namen verdankt sie ihren charakteristischen kleinen Goldperlen, die den Armreif und das Uhrengehäuse umrahmen. Für Bernard handelt es sich auch hier um eine betörende Liaison von Juwelierskunst und Uhrmacherei.

Den Clou jedoch lancierte Van Cleef & Arpels letztes Jahr in Form eines Vorhängeschlosses – „Cadenas“ nennt sich das Modell, das am Handgelenk an einem doppelten Schlangenarmband getragen wird. Daran befestigt ist eine große Bügelspange mit Riegel samt Diamantenpavé und Saphiren im Princess-Schliff. Erst auf den zweiten Blick sieht man, dass sich ein kleines Zifferblatt zur Trägerin neigt, um ihr ein diskretes Zeitablesen zu ermöglichen. Man glaubt es kaum, doch dieses kesse Uhrendesign stammt von 1935 – der Nobeljuwelier wollte mit dem Vorhängeschloss aus Gold selbstbewussten Damen ein glamouröses Auftreten ermöglichen, das sie von den sehr verspielten Looks der Zeit abhob. Ein Riesenerfolg, und das bis heute – die Nachfrage boomt und Wartezeiten sind nicht selten.

La Dolce Vita und Schlangen aus Gold

Zugegeben, das Investment für solche Juwelen liegt oft im fünf- oder gar sechsstelligen Bereich. Es kann sich aber lohnen. Auch die Filmdiva Elizabeth Taylor hatte eine Vorliebe für kostbare Juwelen und Secret Watches. Während ihrer Dreharbeiten 1961 zu „Cleopatra“ erhielt sie eine Golduhr, gestaltet wie eine Schlange, die sich mehrfach um ihr Handgelenk schlängelte. Der Kopf ­voller Diamanten besaß zwei hypno­tische Smaragd-Augen und ein versteckter Mechanismus öffnete das Maul, um auf ein winziges Zifferblatt blicken zu können. Der römische Edeljuwelier Bulgari fertigte diese Schmuckuhr für Taylor; 2011 wurde sie bei einer Christie’s-­Auktion angeboten. Der Schätzpreis lag bei 15.000 US-Dollar – der Hammer fiel aber bei fast einer Million. 

Taylor verliebte sich während der Dreharbeiten nicht nur in Richard Burton, sondern vor allem in Bulgari. Fortan war sie Stammkundin in der Via Condotti in Rom. Seither perfektioniert man diese geheimnisvolle Schlangenuhr, die vor fast 80 Jahren entwickelt wurde und auf den Namen „Serpenti Misteriosi“ hört. Dass Bulgari nicht nur in der Juweliers-Liga ganz oben mitspielt, sondern auch in der Haute Horlogerie, beweist das Uhrwerk: Von ­wegen, dass solch winzige Modelle fast nur mit batteriebetriebenen Quarzwerken ausgestattet werden können – Bulgari verwendet mechanische Kaliber, die nur hauchdünne 2,5 Millimeter hoch sind und 1,9 Gramm wiegen. 

Seine Tradition mit Designs aus der Antike führt Bulgari auch dieses Jahr fort: Mit der Secret Watch „Maglia Milanese Monete“ legt die Manufaktur ihre „Monete“-Linie neu auf. Das Besondere: Hier versteckt eine originale Münze mit dem Abbild des römischen Kaisers Caracalla (188 bis 217 n. Chr.) ein Perlmutt-Zifferblatt. Dahinter arbeitet ein winziges Automatikwerk, das 30 Stunden Gangreserve verspricht. Gehalten wird das Ensemble von geflochtenen Roségoldfäden – diese sogenannte Milanese-Technik für Armbänder verwendet Bulgari erstmals, obwohl sie schon während der Renaissance von Mailänder Goldschmieden erfunden wurde. 

Die Botschaft von Bulgari ist bei der „Maglia Milanese Monete“ klar: Sie ist nicht nur eine Secret Watch, sondern ein Kunstwerk, das tausend Jahre überdauern kann. Foto: Bulgari

Königsdisziplin der Secret Watches

Dass es sich bei Secret Watches um eine Königsdisziplin der Uhrmacherei handelt, belegt auch Jaeger-LeCoultre. Vor fast 100 Jahren stellte die Manu­faktur das kleinste mechanische Uhrwerk der Welt vor – und hält den Rekord bis heute. Mit einem Gewicht von nur einem Gramm und 4,8 Millimeter Breite sowie 14 Millimeter Länge hat es in etwa die Maße des kleinen Finger­nagels. Sogar Queen Elizabeth II. trug zu ihrer Krönung 1953 ein tickendes Juwel mit dem legendären Kaliber von Jaeger-­LeCoultre. Ihre Uhr war aus einem zarten Armband voller Baguette-Diamanten und derart filigran gearbeitet, dass man das Zifferblatt kaum wahrnahm. Ein sehr ähnliches Modell führt die Schweizer Marke bis heute unter dem Namen „Calibre 101 Secrets“, wo an einem goldenen Armreif über 1.000 Brillanten aufgereiht sind; über einen versteckten Drücker wird aufgeklappt und ein winziges Zifferblatt betrachtet. 

Noch berühmter sind die Design-Ikonen des Hauses, weil sie technische Raffinesse perfekt mit Art-déco-Ästhetik verbinden: die Kollektion ­„Reverso“. Schon 1931 lancierten die Schweizer die ersten Modelle mit drehbarem Gehäuse, dessen Rückseite kunstvoll emailliert oder mit Edelsteinen besetzt ist. Ursprünglich für Polospieler entwickelt, um das Uhrenglas zu schützen, avancierten die rechteckigen Uhren bald zum stilbewussten Begleiter emanzipierter Frauen. Inzwischen bereichert die ­„Reverso Secret Necklace“ die hoch­karätige Kollektion, die wahlweise auf zwei unterschiedliche Arten ausgeführt wird: als anmutige Sautoir-­Kette mit 55 Zentimeter Länge oder als lange Halskette von 80 Zentimetern. Das ehemalige Kordelarmband wurde neu interpretiert und als geschmeidige Kette aus filigranen diamantbesetzten Gold­gliedern und Onyxperlen gefertigt. An ihr hängt eine „Reverso“-Uhr mit in Diamanten gefasstem Zifferblatt. Das Gehäuse ist ebenso vollständig mit Diamanten im Art-déco-Muster besetzt. 

Exzentrischer Glamour mit Schweizer Präzision

Bei Chopards Secret Watches handelt es sich meist um Unikate der Haute-­Joaillerie-Kollektion. „Swan Lake“ etwa, ein mit 34 Karat Diamanten besetzter Schwan, wird an einem Satinband am Handgelenk getragen. Das Geheimnis offenbart sich hier wie durch ein Wunder der Handwerkskunst: Wird der Kopf des Schwans behutsam gedreht, wird ein integrierter Mechanismus ausgelöst – der Schwan öffnet seine Flügel und gibt den Blick auf ein zierliches Zifferblatt frei. Auch hier tickt ein manufaktureigenes Handaufzugswerk, das eine Gangautonomie von stolzen 45 Stunden meistert. Beachtlich, zumal das Uhrwerk extrem klein ist – wie zwei ­aufeinandergelegte Fünf-Cent-Münzen. So viel Know-how verblüffte auch die Jury des Grand Prix d’Horlogerie de Genève (GPHG), die quasi die Oscars der Uhrenbranche vergibt: Sie nahm vor wenigen Monaten Chopards „Swan Lake“ in der Kategorie „Jewellery Watch“ auf.  

Einzigartig und fast eine Million wert: Chopard schuf „Swan Lake“ und verblüfft damit selbst Experten – dreht man am Kopf des Schwans, öffnet er die Flügel und zeigt eine mechanische Uhr. Foto: Chopard

Wenn in der Welt der Uhren von Multifunktionalität gesprochen wird, ist meist eine Uhr mit vielen Anzeigen gemeint. Eine andere multifunktionale Art bietet die spektakuläre „Swinging ­Sautoir“ von Piaget: Sie steht wie kaum ein zweites Modell für die fröhlichen Swinging Sixties, bunt und etwas verrückt – ein ideales Accessoire für Nobel-Hippies. Farbenfrohe Edelsteine wie rote Rubine, weißer Opal und orangefarbener Spinell zieren die handgeflochtenen Goldketten und hängen an einem asymmetrischen Uhrengehäuse. Je nach Lust und Tageslaune kann diese Secret Watch an einem roten Satin-Armband oder als Anhänger an einer Halskette getragen werden.  

Couture zum Funkeln gebracht

In puncto Kreativität überbieten sich die Modehäuser Chanel und Hermès gerne gegenseitig – zuletzt überraschte Chanel mit fünf limitierten Ring-Uhren, die ganz im Zeichen der Métiers d’Art stehen. Einst schmückten Löwenköpfe die Wohnung von Gabrielle Chanel; zugleich das Motiv ihres Sternzeichens – dem Designstudio dienten sie als Vorlage für den üppigen Cocktailring aus Gelbgold „Toi & Moi“. Zwei symmetrische Löwenhäupter tragen eine ­Rosette aus Diamanten im Baguette-Schliff, gesamt brillieren hier über 200 Edel­steine – und nur bei genauem Hinsehen ist zu erkennen, dass sich dort auch zwei winzige Zeiger aus Gold für die Stunden und Minuten bewegen. 

Feminin – Dior verblüfft mit seinen jüngsten Uhrenkreationen; darunter das Unikat „La D de Dior Précieuse à Secret Dior Delicat“ mit einem achtkarätigen Opal. Foto: Dior

Mit der „Maillon Libre brooch“ ­lanciert Hermès eine ultraflache Uhr, die
als Brosche oder als Anhänger an einer Lederkordel getragen wird. HERMES.COM

Hermès hingegen setzt in seiner Secret Watch auf diskreten Luxus: Die geometrisch strenge „Maillon Libre brooch“, die an die typischen Anker­glieder des Hauses erinnert, wird als Brosche am Revers, Hemd oder am Ärmel angesteckt. Bestückt mit einem mattschwarzen Zifferblatt aus Onyx und Diamantendekor steht ein blauer Turmalin im Mittelpunkt. Alter­nativ kann die Uhr als Anhänger an einer Lederkordel als Halskette ausgeführt werden; ein charmanter Verweis auf die Wurzeln von Hermès als Sattler. Dass es sich dabei um ein extrem flaches Goldgehäuse für eine Uhr handelt, vermutet man kaum – wie bei Chanel wird auch hier das Zeitgeschehen von einem Quarzwerk angetrieben. 

Verspielt, feminin, Couture-inspiriert – wer Aufmerksamkeit wünscht, ist hier richtig: Diors Secret Watches wirken wie ein Bühnenbild; bewegliche Blüten und Miniaturgärten aus Edelsteinen verbergen das Zifferblatt. Etwas inszeniert wirkt auch der Name „La D de Dior Précieuse à Secret Dior Delicat“ für die jüngste Secret Watch des Hauses. Victoire de Castellane, die Kreativdirektorin für Schmuck, kreierte die Konstellation aus Spessartiten, rosa Saphiren, Tsavorit-Granaten, Turmalinen und ihrem Lieblingsstein, dem Opal. Immerhin wiegt dieser Opal-Cabochon über acht Karat, stammt aus Australien und lässt sich zur Seite drehen, um darunter das Zifferblatt freizulegen. Wem das noch nicht genügt, der sollte wissen, dass hier etwa 44 Gramm Gold und 1.400 Edelsteine ihren gekonnten Auftritt haben und das Beste aus zwei Welten vereinen: ein seltenes Schmuckstück und eine ­raffinierte Uhr.

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