Van Cleef & Arpels trifft Wiener Werkstätte: Ein Dialog über Jahrhunderte

Mit „Glanzstücke“ rückt das MAK die Kreationen von Van Cleef & Arpels in einen ungewöhnlichen Kontext. Im Austausch mit Meisterwerken der angewandten Kunst entfalten sie überraschende Resonanzen über Epochen und Kulturen hinweg.

Von Yasmin El Mohandes
 Blick in die Ausstellung „Glanzstücke“ im MAK Wien mit dem Schriftzug „Van Cleef & Arpels High Jewelry × Masterpieces from the MAK Collection“.

Historische Kunstobjekte und Schmuckstücke von Van Cleef & Arpels begegnen sich in der Ausstellung „Glanzstücke“ des MAK Wien. Fotos: Ivan Erofeev

Wer die Ausstellung „Glanzstücke“ im Wiener Museum für angewandte Kunst betritt, bewegt sich durch eine Welt unerwarteter Begegnungen. Ein japanischer Paravent aus dem 18. Jahrhundert steht neben einer Schmuckschatulle der 1920er Jahre, ein Elfenbein-Schreibzeug aus dem frühen 17. Jahrhundert neben einem Collier der 1970er. Die Zeitspanne zwischen ihnen ist beträchtlich, und doch scheinen sie miteinander zu sprechen. Die vom MAK und Van Cleef & Arpels entwickelte Schau verzichtet bewusst auf die vertrauten Ordnungssysteme des Museums. Statt einer chronologischen Erzählung entfalten sich Themenwelten wie „Wanderlust“, „Architektur“, „Bühne“ oder „Metamorphose“, in denen rund 500 Objekte neue Konstellationen eingehen. Gerade diese Offenheit macht „Glanzstücke“ so überzeugend.

Formensprache zwischen Kunsthandwerk und Haute Joaillerie

Sichtbar wird weniger eine Geschichte von Einflüssen als eine Choreografie von Formen. Muster wandern von Textilien auf Edelmetalle, architektonische Strukturen verwandeln sich in Ornament, Lackarbeiten erscheinen in neuer Gestalt als Schmuck. Ideen kehren wieder, wechseln Material, Maßstab und Funktion und bewahren dennoch etwas Vertrautes. Besonders deutlich zeigt sich das dort, wo Arbeiten der Wiener Werkstätte auf Kreationen von Van Cleef & Arpels treffen. Als die Maison 1906 ihre Türen an der Place Vendôme öffnete, hatten Josef Hoffmann und Koloman Moser ihre Wiener Werkstätte bereits gegründet. Beide Projekte verband die Überzeugung, dass Gestaltung mehr sein kann als Dekoration. Möbel, Stoffe, Besteck oder Schmuck sollten Teil einer umfassenden ästhetischen Ordnung werden.

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Japanischer Paravent und Schmuckkreationen von Van Cleef & Arpels in der Ausstellung „Glanzstücke“ im MAK Wien.
Blick in den Themenraum „Wanderlust“ der Ausstellung „Glanzstücke“ im MAK Wien.
Entwurfszeichnungen und Schmuckstücke von Van Cleef & Arpels in der Ausstellung „Glanzstücke“ im MAK Wien.

Die geometrische und architektonisch geprägte Formensprache der Wiener Werkstätte entstand noch vor Art déco und Bauhaus und prägte die Entwicklung moderner Gestaltung. Dass sich die Kreationen von Van Cleef & Arpels so selbstverständlich in diesen Kontext einfügen, gehört zu den bemerkenswertesten Beobachtungen der Ausstellung. Plötzlich erscheinen angewandte Kunst und Haute Joaillerie weniger als getrennte Disziplinen denn als verwandte Ausdrucksformen. Form erscheint hier nicht als dekorative Hülle, sondern als Ergebnis konstruktiver Entscheidungen. Die ästhetische Wirkung entsteht häufig erst aus einer technischen Idee. Das gilt für die patentierte Mystery-Set-Fassung ebenso wie für die präzise organisierte Innenarchitektur der Minaudière oder die Mechanik des berühmten Zip-Colliers, dessen Ausgangspunkt ein gewöhnlicher Gebrauchsgegenstand ist. Aus einem Reißverschluss wird Schmuck, aus Funktion wird Form, aus Alltäglichem etwas Außergewöhnliches.

Diamantschmuck von Van Cleef & Arpels und Objekte der angewandten Kunst im Kapitel „Architektur“ der Ausstellung „Glanzstücke“.
Ausstellungsraum „Metamorphose“ der Schau „Glanzstücke“ im MAK Wien mit Vitrinen und Schmuckarbeiten von Van Cleef & Arpels.

Zu den stärksten Gegenüberstellungen zählt das Kapitel über rhythmisches Design. Stoffentwürfe der Wiener Werkstätte treffen hier auf Schmuckarbeiten des 20. Jahrhunderts. Wiederholungen, Raster und geometrische Strukturen erzeugen überraschende Verbindungen. Ein Armband erscheint plötzlich weniger als Schmuckstück denn als tragbares Muster. Die Gegenüberstellungen erinnern zugleich an ein zentrales Anliegen der Wiener Moderne. Gustav Klimts Entwürfe für den Stoclet-Fries verfolgten denselben Anspruch, Kunst, Ornament und Architektur zu einem Gesamtkunstwerk zu verbinden. Gerade am Ornament wird sichtbar, wie beweglich kulturelle Formen sein können. Trotz Adolf Loos’ berühmter Kritik verschwand es nicht, sondern wechselte seine Medien: von Textilien auf Metalloberflächen, von Architektur in den Schmuck. Es erscheint hier weniger als Stil denn als wandelbares kulturelles Prinzip.

Indem die Schau solche Wanderungen sichtbar macht, stellt sie auch vertraute Kategorien infrage. Warum erscheinen manche Dinge als Gebrauchsgegenstände, andere als Kunstwerke oder Luxusobjekte? Und wodurch entsteht der kulturelle Wert, den wir ihnen zuschreiben? „Glanzstücke“ ist keine Ausstellung über Vergangenheit. Sie handelt von der erstaunlichen Gegenwart der Dinge.

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