Kultur in Miniatur
Abendtaschen sind längst multifunktionale Allrounder geworden. Bulgari zeigt mit der neuen „Icons Minaudière“-Kollektion das Gegen-teil: kleine, kunstvoll gestaltete Objekte. Im Inneren ist Literatur – jedes Exemplar enthält ein Miniaturbuch, das die Gedanken und Geschichten außergewöhnlicher Frauen greifbar macht.

Bulgari zeigt mit der Icons Minaudière Kollektion kunstvolle Abendtaschen zwischen Schmuckstück und Designobjekt. Foto: Bulgari
Eine Clutch war einst schmückendes Beiwerk, ein kleines Accessoire, das einem Outfit nur den letzten Akzent gab. In den letzten Jahren haben sich die Abendtaschen verwandelt, ihre Funktion ausgeweitet, ihre Proportionen vergrößert; und die Laufstege zeigen längst multifunktionale Allrounder: Oversized-Clutches, in denen Smartphones, Schlüssel, Kosmetik und andere Alltagsgegenstände gleichzeitig Platz finden. Designer wie Prada, Dior oder Gucci demonstrieren, dass Ästhetik und Nutzbarkeit keine Gegensätze mehr sein müssen. Vor diesem Hintergrund wirkt die neue „Icons Minaudière“-Kollektion von Bulgari beinahe wie eine Gegenbewegung – ein bewusstes Zurücknehmen, eine Reduktion auf Symbolik, Form und Geschichte.
Bulgari verbindet Kultur mit Konzept
Die Taschen der Kollektion sind klein, kompakt, skulptural. Sie lassen sich nicht beiläufig öffnen; man klappt sie auf wie ein sorgfältig gearbeitetes Etui. Metall und Edelsteine treffen aufeinander, ein Cabochon schimmert im Verschluss, und im Inneren liegt kein Smartphone, kein Lippenstift – sondern ein Miniaturbuch. Bulgari nennt das Konzept „Carrying Culture“ und meint es überraschend ernst. Es ist ein Versuch, Luxus zu intellektueller Reflexion zu erweitern, Narrative greifbar zu machen und Symbolik in ein tragbares Objekt zu übersetzen. Die Kollektion ist die erste von Bulgari, die gezielt für den Abend entworfen wurde und dabei die Grenzen zwischen Schmuck und Accessoire auslotet.
Ausgangspunkt waren die historischen Minaudières aus dem Bulgari-Archiv, deren Originalproportionen übernommen wurden. Jedes Design erscheint in zwei Varianten: als klassische Minaudière und als Miniatur-Toilettenset. Damit wird ein Spannungsfeld zwischen Funktionalität und Präsentation, zwischen Objekthaftigkeit und symbolischer Aussage eröffnet. Die Taschen wirken wie kostbare Artefakte, gleichzeitig erfüllen sie eine konkrete, tragbare Aufgabe – ein doppeltes Spiel aus Sichtbarkeit und Bedeutung.
IM ZENTRUM DER KOLLEKTION STEHEN DIE MINIATURBÜCHER, DIE JEDER TASCHE BEILIEGEN. SIE MACHEN DAS KONZEPT „CARRYING CULTURE“ GREIFBAR – FÜNF AUSSERGEWÖHNLICHE FRAUEN ERZÄHLEN DARIN IHRE GESCHICHTEN.
Zentral für die Kollektion sind die fünf ikonischen Codes von Bulgari: „Monete“, „Serpenti“, „Tubogas“, „Divas’ Dream“ und „Bulgari Bulgari“. „Monete“ greift die Form antiker römischer Münzen auf und transformiert sie zu einer tragbaren Miniatur, die Geschichte und Materialität vereint. „Serpenti“ windet sich wie eine lebendige Schlange aus Metall, „Tubogas“ interpretiert industrielle Eleganz als fließende Form, während „Divas’ Dream“ die geometrischen Muster der Caracalla-Thermen in Miniatur neu erzählt. „Bulgari Bulgari“ kondensiert Logo und Geometrie zu einer zylindrischen, ikonischen Form, die streng, aber überraschend modern wirkt. Jedes Detail, vom Cabochon über die Emaille bis zum Pavé, verweist auf Tradition, Handwerk und die Wirkung von Licht auf Material.
Das eigentliche Herz der Kollektion sind jedoch die Miniaturbücher, die jeder Tasche beiliegen. „Carrying Culture“ entfaltet sich hier in seiner vollen Dimension. Fünf Frauen verleihen den Objekten ihre Stimmen: Chimamanda Ngozi Adichie, nigerianische Autorin und feministische Vordenkerin, reflektiert darin über das Erschaffen von Kultur, über die Macht von Geschichten und Sichtbarkeit; während Linda Evangelista, kanadische Ikone der 1990er-Supermodels, in ihrem Beitrag Tradition, Wandel und Selbstbestimmung thematisiert – nach Jahren der Abwesenheit und reflektierter Rückkehr.
Isabella Rossellini, italienisch-US-amerikanische Schauspielerin, Model und Ethologin, deren Leben Filmgeschichte, Wissenschaft und Humor verwebt, lädt ein, der Natur zuzuhören – ihr Text ist poetisch, präzise und vermittelt Wissen in Miniatur, das die Intimität der Minaudière widerspiegelt. Die südkoreanische Schauspielerin Kim Ji-won vermittelt Gelassenheit inmitten permanenter Sichtbarkeit, ihr Buch über innere Ruhe wirkt wie ein leiser, subversiver Gegenpol zu globalem Popkultur-Lärm. Sumayya Vally schließlich, südafrikanische Architektin und Denkerin von Raum, Erinnerung und Zugehörigkeit, öffnet ein Geflecht aus Geschichte und Identität, das zeigt, dass der Begriff Heimat mehr ist als ein Ort – er ist ein Konzept, das in der Minaudière einen eigenen Raum findet.
Die Kollektion ist eng mit Mary Katrantzou verbunden, die 2024 zur ersten Kreativdirektorin für Bulgaris Lederwaren und Accessoires ernannt wurde. Die griechische Designerin beschreibt die Minaudières als Objekte, die weit über die bloße Aufbewahrung hinausgehen; sie verbinden dabei Handwerk mit erzählerischer Tiefe: „Wir fühlen uns geehrt, dass fünf außergewöhnliche Frauen unseren Ikonen ihre Stimme leihen. Das ist die Kultur, die wir schaffen, die wir tragen und die wir teilen.“ Katrantzous Ernennung markiert einen historischen Schritt in der 140-jährigen Geschichte Bulgaris, und ihre Arbeit zeigt, wie kreativer Anspruch, kulturelle Tiefe und Handwerkskunst auf kleinstem Raum zusammengeführt werden können. Die „Icons Minaudière“-Kollektion führt mehrere Ebenen in einem winzigen Objekt zusammen: Form, Symbolik und Erzählkraft. Sie lädt dazu ein, die Beziehung zwischen tragbarem Objekt und Inhalt neu zu betrachten. Ihr Gewicht misst sich nicht in Gebrauch, sondern in Ideen. Die Tasche wird so zum Träger für etwas, das größer ist als sie selbst.












