Zwischen Goethe und White Lotus: Ein Hotel will mehr sein als TV-Kulisse

Das San Domenico Palace in Taormina war lange vor „The White Lotus“ ein Anziehungspunkt für Schriftsteller und Künstler. Mit einem sommerlichen Buchclub erinnert das heutige Four Seasons Hotel an diese literarische Tradition und setzt dem Serienhype eine neue Perspektive entgegen.

Von Alexander Pfeffer
Infinity-Pool des San Domenico Palace in Taormina mit Blick auf die sizilianische Küste und den Ätna

Der Infinity-Pool des San Domenico Palace in Taormina bietet Ausblicke auf die Küste Siziliens und den Ätna – lange bevor das Hotel durch „The White Lotus“ internationale Aufmerksamkeit erhielt. Fotos: San Domenico Palace

Seit die HBO-Serie „The White Lotus“ das ehemalige Kloster an die Spitze der Instagram-Sehnsuchtsorte katapultiert hat, kämpft das San Domenico Palace in Taormina mit einem Problem, das viele Hotels gern hätten: Wie erzählt man die eigene Geschichte, wenn alle nur über die Fernsehserie sprechen?

Die Antwort fällt überraschend analog aus.

Statt weiterer Selfie-Spots oder Cocktail-Kreationen mit Serienbezug setzt das Haus diesen Sommer auf Bücher. Das ist durchaus folgerichtig. Lange bevor Jennifer Coolidge durch die Gänge schlenderte, kamen andere Gäste nach Taormina: Johann Wolfgang von Goethe, Oscar Wilde, D.H. Lawrence, Truman Capote, John Steinbeck oder Vladimir Nabokov. D.H. Lawrence soll hier sogar Stoff für „Lady Chatterley's Lover“ gesammelt haben, wobei Hotels bekanntlich gern jede Schreibpause berühmter Autoren zur Geburtsstunde eines Klassikers erklären.

Gast im Infinity-Pool des San Domenico Palace in Taormina mit Blick auf das Ionische Meer
Poolterrasse des Four Seasons San Domenico Palace in Taormina mit Sonnenschirmen und Meerblick
Infinity-Pool des San Domenico Palace mit Blick auf die Küste von Taormina und das Mittelmeer
Poolbereich des San Domenico Palace in Taormina mit Blick auf die Altstadt und das Meer
Bücher, Stofftasche und Leseliste des Summer Book Club im San Domenico Palace in Taormina

Nun wird aus dieser Vergangenheit ein „Summer Book Club“. Der Begriff klingt zunächst nach Lesekreis mit Diskussionspflicht und lauwarmem Weißwein. Tatsächlich handelt es sich eher um eine Leseliste für Urlauber. In den Zimmern liegen Buchempfehlungen aus, die Titel können an der Rezeption ausgeliehen werden. Dazu gibt es Lesezeichen und Stofftasche. Literatur als Hotelservice. Auf der Liste stehen erwartbare Namen: Wildes „Das Bildnis des Dorian Gray“, Goethes „Italienische Reise“ oder Capotes „Frühstück bei Tiffany“. Daneben finden sich Giuseppe Tomasi di Lampedusa, Italo Calvino sowie neuere Autoren wie Vincenzo Latronico, Ann Patchett oder Don DeLillo. Eine Auswahl, die sich irgendwo zwischen Bildungskanon und Strandtasche bewegt.

Die Geschichte des San Domenico Palace

Interessant ist weniger die Liste selbst als der Versuch, den Ort wieder mit seiner eigenen Geschichte zu verknüpfen. Denn das Gebäude hat mehr erlebt als die kurze Karriere als Fernsehkulisse. Das ehemalige Dominikanerkloster stammt aus dem 14. Jahrhundert und war über Jahrzehnte Treffpunkt für Schriftsteller, Künstler und Reisende. Später entdeckte auch das Kino die Anlage: Michelangelo Antonioni drehte hier Szenen für „L'Avventura“, Luc Besson nutzte die Kulisse für „Le Grand Bleu“.

Blick vom San Domenico Palace über Taormina, die sizilianische Küste und den Ätna

Hoch über Taormina gelegen eröffnet das San Domenico Palace weite Ausblicke auf die sizilianische Küste und den Ätna – eine Landschaft, die seit Jahrhunderten Reisende, Künstler und Schriftsteller anzieht.

Infinity-Pool des San Domenico Palace in Taormina bei Sonnenuntergang mit Blick auf die sizilianische Küste

Wenn die Sonne über der sizilianischen Küste untergeht, zeigt sich das San Domenico Palace von seiner ruhigsten Seite – fernab des Trubels, für den Taormina heute bekannt ist.

Die eigentliche Pointe liegt allerdings darin, dass ein Hotel heute Bücher fast als Attraktion vermarkten muss. Während andere Häuser ihre Gäste mit Longevity-Programmen, Schlafcoaches oder Eisbädern beschäftigen, reicht in Taormina offenbar der Vorschlag, ein Buch aufzuschlagen und aufs Meer zu schauen. Manchmal sind die einfachsten Fluchten, die wirksamsten.

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