Michelle Obama: Mode als Machtspiel

Als First Lady stand Michelle Obama stets im Rampenlicht. In ihrem neuen Buch The Look reflektiert sie über die Kunst, Kleidung als Ausdruck von Haltung zu nutzen.

Von Yasmin El Mohandes

Man könnte glauben, eine First Lady habe Wichtigeres zu tun, als morgens über die Frage zu grübeln, welche Brosche Menschen dazu bringen könnte, sich weniger über ihre Oberarme aufzuregen. Michelle Obama würde vermutlich sagen: schön wär’s. In ihrem neuen Buch „The Look“ erzählt sie, wie rasch sie verstand, dass jedes ihrer Outfits verhandelt wurde wie ein Gesetzesentwurf. Schon die falsche Farbe konnte zu Schlagzeilen führen. Die falsche Frisur zu politischer Deutung. Und Shorts im Grand Canyon zu Empörung. „Eine Frau wird in der Öffentlichkeit meist auf ihre physische Erscheinung reduziert,“schreibt sie. Als sie das begriff, wusste sie, dass sie ihre Außenwirkung strategisch denken musste.

Mode erscheint bei ihr nicht als Spieltrieb, sondern als eine Art Rüstung, die man sorgfältig prüft, bevor man unter Millionen Augen hindurch muss. Gleichzeitig beschreibt sie die Jahre im Weißen Haus mit einer gewissen Ironie: Barack Obama habe dieselben Anzüge getragen, einfach mit neuer Krawatte. Manchmal auch denselben Smoking acht Jahre lang. Sie hingegen ließ Kleider auf Umarmungstauglichkeit prüfen. Der O-Arm-Test: Arme kreisen, Stoff darf nicht ziehen. Man möchte fast, dass jede politische Funktion diesen Test übernimmt.

Besonders interessant wird das Buch dort, wo Obama zeigt, wie aus Mode eine stille Form von Politik wird. Wenn sie US-Designer unterschiedlicher Herkunft unterstützt. Wenn sie bewusst nichts Glitterndes trägt, während anderswo im Land ein Unglück geschieht. Wenn sie sich gegen Frisuren entscheidet, die sie als junge Frau liebte - nicht, weil sie sie nicht mehr mag, sondern weil sie wusste, wie sehr ihr Haar unter Beobachtung stand. Die Entscheidung gegen Flechtfrisuren war weniger Eitelkeit als Vorsichtsmaßnahme.

Fast zärtlich schildert sie die Momente hinter den Kulissen: die Verzweiflung angesichts klemmender Reißverschlüsse, das sachliche Abwägen zwischen Mantel A (gut für Kälte) und Mantel B (gut für Fotos), die betretene Stimmung, wenn ein Outfit plötzlich nicht mehr politisch passt. Und dann wieder dieses leise Aufatmen, wenn Barack Obama den Raum betritt, die Kleider betrachtet und sagt: „Du siehst wunderschön aus.“ Ein Gegenpol zum Lärm des öffentlichen Kommentars.

Nach den acht Jahren im Weißen Haus probiert sie schließlich an, was sie früher vermeiden musste: goldene Overknees-Stiefel von Balenciaga, Stoffe, die nicht deeskalieren, sondern Spaß machen. Es ist kein Triumphgestus, eher ein langsames Zurückerlangen ihrer eigenen ästhetischen Sprache.

Das Buch zeigt, wie sehr Kleidung Bedeutung erzeugt - manchmal absichtlich, oft unfreiwillig. Und wie man lernt, diesen Bedeutungen nicht länger auszuweichen, sondern sie zu orchestrieren. Mode wirkt bei Obama nicht wie ein Ornament, sondern wie ein Werkzeug, das sie irgendwann wieder zurück in die eigene Schublade legen durfte. Und jetzt dort benutzt, wo es hingehört: im echten Leben.

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