Jenseits von Klischees
Ellen von Unwerth revolutionierte die Modefotografie. Ihre Bilder feiern Frauen, die nicht in gängige Rollenbilder passen, stark und sinnlich zugleich. Im Interview spricht sie über Authentizität, Weiblichkeit und ihre Ausstellung in Dornbirn.

DIVA: Erinnern Sie sich noch an den Moment, als Sie die junge Claudia Schiffer zum ersten Mal gesehen haben?
ELLEN VON UNWERTH: Oh ja, sehr gut sogar. Ich fand sie sofort wunderschön und natürlich. Sie war gerade 18, ein bezauberndes deutsches Mädchen. Als ich die Fotos später betrachtete, fiel mir diese verblüffende Ähnlichkeit zu Brigitte Bardot auf. Ich habe daraufhin ihren Look in diese Richtung gestylt – und plötzlich verwandelte sie sich: Sie wurde sinnlich, verspielt, ganz Bardot. Ich war damals selbst ein großer Fan von Brigitte Bardot, und es war faszinierend, diese Energie wiederzuerkennen. Das Shooting wurde ein riesiger Erfolg – so begann unsere gemeinsame Reise.
DIVA: Wie hat dieser Moment Ihre Karriere beeinflusst?
ELLEN VON UNWERTH: Damals gab es ja noch kein Instagram, aber trotzdem ging alles über Nacht. Ich war in Paris, die Guess-Kampagne erschien in den USA, und plötzlich hieß es überall: „Wer hat das fotografiert?“ Es war ein neues, verspieltes, sinnliches Frauenbild, das es so zuvor nicht gab – spontan, lebendig. Über Nacht kamen unzählige Anfragen und Interviews für Claudia und auch für mich. Es war überraschend, aber wunderschön.
DIVA: Haben Sie heute noch Kontakt zu Claudia Schiffer?
ELLEN VON UNWERTH: Ja, natürlich. Wir arbeiten immer wieder zusammen, seltener zwar, aber wenn wir uns sehen, ist es wie Familie.
DIVA: Sie waren selbst Model, bevor Sie hinter die Kamera wechselten. Was haben Sie aus dieser Zeit mitgenommen?
ELLEN VON UNWERTH: Ich war Model, ja, aber ehrlich gesagt nie ganz erfüllt. Ich durfte meine Persönlichkeit nicht zeigen. Es hieß immer: „Stillhalten. Nach rechts schauen. Nach links schauen.“ Ich wollte aber leben vor der Kamera, nicht nur posieren. Als ich dann selbst fotografierte, war das mein Leitgedanke: Ich wollte, dass meine Models sich ausdrücken, sich bewegen, echt sind; dass sie sich zeigen, wie sie sind: sinnlich, verspielt, lebendig. Das war damals etwas Neues. Viele Frauen fühlten sich dadurch gesehen und verstanden. Sie haben sich geöffnet, und genau daraus entstanden diese authentischen, sinnlichen Bilder.
DIVA: Ich glaube, Ihr Einfühlungsvermögen spielt da eine große Rolle. Sie wussten ja, wie es sich anfühlt, vor der Kamera zu stehen.
ELLEN VON UNWERTH: Absolut. Man ist unglaublich verletzlich vor der Kamera – man weiß nie, was der Fotograf in einem sieht oder sehen möchte. Diese Erfahrung hat mich geprägt. Ich wollte, dass sich meine Models sicher fühlen, frei und wohl.
DIVA: Was war rückblickend der prägendste oder auch schwierigste Moment Ihrer Karriere?
ELLEN VON UNWERTH: Ich bin jemand, der mit dem Fluss geht, go with the flow, wie man so schön sagt. Mein Weg war ehrlich gesagt sehr glücklich. Meine Fotos kamen gut an, ich wurde schnell in Magazinen wie der „Vogue“ oder „Interview“ veröffentlicht. Ich hatte das große Glück, viele inspirierende Menschen zu treffen, Musiker, Schauspieler, Ikonen. Jeder hat mich neu beflügelt. Schwierige Momente? Kaum. Ich bin ein Chamäleon, ich passe mich an und bleibe neugierig.
DIVA: In der Fotografenwelt waren damals ja vor allem Männer die Stars. War es schwierig, sich als Frau durchzusetzen?
ELLEN VON UNWERTH: Um ehrlich zu sein, nein. Ich habe nie darüber nachgedacht, was andere machen oder denken. Ich wollte einfach meine Bilder machen. Mein Stil war neu, spontaner, weniger technisch, dokumentarischer. Manche mochten das nicht. Eine Zeitschrift schrieb einmal spöttisch, meine Fotos sähen aus wie Schnappschüsse. Und ich dachte nur: Genau das sollen sie! Sie sollten nach Leben aussehen, nach echtem Moment. Manche verstanden das nicht, andere liebten es. Aber das war mir egal, ich habe einfach meinen eigenen Weg gemacht.

DIVA: Ihre Bilder sind verspielt, sinnlich und stark. Wie würden Sie Ihre visuelle Sprache selbst beschreiben?
ELLEN VON UNWERTH: Ich will Frauen stark zeigen, aber nie kühl oder distanziert. Sie sollen Persönlichkeit, Emotion und Spaß ausstrahlen. Ich mag keine perfekten Modeposen. Mir ist wichtig, dass ein Bild eine Geschichte erzählt, dass es berührt und dass man es nicht vergisst. Dass es ikonisch wird, im besten Sinne.
DIVA: Ihre neue Ausstellung „Shocking Pop“ im Flatz-Museum in Dornbirn steht an. Wie sind Sie an die Auswahl herangegangen und was erwartet uns?
ELLEN VON UNWERTH: Die Ausstellung besteht aus drei Teilen: klassische, meist schwarz-weiße Arbeiten, viele kennt man aus meinen Büchern „Snaps“ und „Fräulein“. Dann eine große Serie aus meinem Buch „Heimat“, das im Allgäu entstanden ist. Und schließlich ein Teil, der sich mit meiner Popkultur-Arbeit beschäftigt: Fotos von Musikerinnen, Schauspielerinnen, Ikonen, oft mit Augenzwinkern, manchmal provokant. Alles, was ich liebe – Pop, Glamour, ein Hauch Schock. Daher auch der Titel „Shocking Pop“.
DIVA: Ihre Arbeiten feiern Frauen, aber nie stereotyp. Was bedeutet Weiblichkeit für Sie heute?
ELLEN VON UNWERTH: Für mich bedeutet Weiblichkeit Selbstbestimmung. Eine Frau soll sich so zeigen dürfen, wie sie will, nicht, wie die Gesellschaft es vorgibt. Emanzipation heißt für mich, sich selbst treu zu bleiben; ob man sich sinnlich zeigt oder zurückhaltend. Ich liebe starke Persönlichkeiten – Intellektuelle genauso wie Partygirls. Wichtig ist, dass man zu sich steht.
DIVA: Wie hat sich Ihr Blick auf Schönheit und Erotik im Zeitalter von Social Media verändert?
ELLEN VON UNWERTH: Heute inszenieren sich alle selbst, es gibt eine Überflutung an Bildern. Einerseits fordert die Gesellschaft mehr Zurückhaltung, andererseits sind die sozialen Medien voller hypersexualisierter Selbstdarstellung. Dieses Paradox finde ich faszinierend. Aber manchmal ist es einfach zu viel: Wenn Menschen nur noch für das perfekte Selfie reisen, statt das Leben zu erleben, ist das schade.
DIVA: Und wie sehen Sie die Entwicklung der Fotografie, besonders im Hinblick auf KI-generierte Bilder?
ELLEN VON UNWERTH: Die Fotografie hat sich enorm verändert. Heute kann jeder fotografieren, digitale Technik macht es leicht. Aber dadurch ist es auch schwerer, herauszustechen. KI ist ein zweischneidiges Schwert, faszinierend und zugleich beunruhigend. Was man damit erschaffen kann, ist beeindruckend, aber hoffentlich ersetzt sie nicht unsere Menschlichkeit.
DIVA: Gibt es ein Shooting, das Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?
ELLEN VON UNWERTH: Oh, so viele! Aber der Anfang mit Claudia Schiffer bleibt unvergessen. Diese Energie, dieser Moment, der alles veränderte, das war magisch. Und dass junge Menschen heute noch auf mich zukommen und sagen, wie sehr sie diese Fotos lieben, das ist das schönste Kompliment.
DIVA: Welchen Rat würden Sie jungen Fotografen geben?
ELLEN VON UNWERTH: Arbeiten, arbeiten, arbeiten! Neugierig bleiben, die Welt beobachten. Nicht nachmachen, was andere tun, sondern herausfinden, was man selbst liebt. Lesen, Filme schauen, träumen, entdecken … Der eigene Stil entsteht aus Erfahrung, nicht aus Perfektion.
DIVA: Und zum Schluss: Wenn Sie sich selbst in einem Ihrer Bilder porträtieren müssten, wie sähe das aus?
ELLEN VON UNWERTH: (lacht) Wahrscheinlich aristokratisch, Rock ’n’ Roll! Vielleicht in einem leicht verfallenen Schloss, in einem extravaganten Kostüm oder als Zirkusdirektorin. Etwas Exzentrisches, mit Augenzwinkern!

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