Chanel, Dior, Valentino – Haute Couture als Kunstform

Armani begeht Jubiläum, Chanel kultiviert Eleganz, Dior zelebriert die Kindheit, Schiaparelli fliegt hoch und Valentino feiert eine Premiere: Das war die Haute Couture Week in Paris. Ein Theater der Extravaganz, in der Mode die Grenzen der Realität neu verhandelt.

Von Alexander Pfeffer

Chanel

Das französische Modehaus Chanel zelebriert heuer 110 Jahre Haute Couture. Das Jubiläum eröffnet ein Dokumentarfilm von Thierry Demaizière und Alban Teurlai, die bereits Karl Lagerfelds Genialität sezierten. Diesmal entführen sie in die Rue Cambon 31, wo aus Stoff Magie wird und Savoir-faire zur Kunstform avanciert. Auf dem Laufsteg: großes Kino. Die Haute-Couture-Frühjahr/Sommer-2025-Kollektion wurde unter den Bögen des Grand Palais inszeniert. Bühnenbildner Willo Perron verwandelte das ikonische Doppel-C-Logo in eine Acht; ein Symbol für Ewigkeit – und ein Statement: Chanel bleibt Chanel, auch in der kreativen Übergangsphase zwischen Virginie Viard und Matthieu Blazys Debüt im Herbst. Die Kollektion selbst ist ein kunstvolles Spiel aus Texturen, Farben und Formen; Tweeds wurden bestickt, bemalt, neu gedacht. Die Farbpalette durchlief den Tag, von pastellfarbenem Morgengrauen bis hin zu nächt­lichem Tiefblau. Die Silhouetten sind ein Dialog zwischen lang und kurz, streng und leicht – eine perfekte ­Harmonie zwischen Erinnern und Erneuern.

Maison Valentino

Der wohl mit der größten Spannung erwartete Moment der Paris Couture Week: Alessandro Michele, der Erfinder des Gucci-Wunders, kehrt ins Rampenlicht zurück und wagt sich an seine erste Haute-Couture-Kollektion für Valentino, das Haus, das er seit März letzten Jahres lenkt. Inspiration: Umberto Ecos „Die unendliche Liste“. „­Listen begleiten die Menschheit seit jeher“, dozierte ­Michele und lobte Eco für dessen akribische Durchdeklinierung des Topos; von Homer bis Joyce, von Arcimboldo bis Calvino. Also machte er genau das – in Stoff. 48 Kleider, 48 Listen: eine barocke Inventur aus mess­baren Proportionen, emotionalen ­Fäden, filmischen Farbkompositionen, philosophischen Nähten, musika­lischen Zeichen und botanischen Fragmenten. Ein Katalog aus Stoff, ein Archiv des Exzesses. Auf dem Laufsteg? Ein prachtvoller Wahnsinn: Esoterik küsst Zirkus, plissierte Seide flirtet mit Ritterrüstung. Ein Spektakel zwischen Rokoko-Überfluss und futuris­tischem Theatralikrausch, detailbesessen bis ins letzte Paillettenkorn. Haute Couture? Fast schon Hochamt.

Dior

Für die Dior-Haute-Couture-Kollektion reist Maria Grazia Chiuri ins Jahr 1958 – zu Yves Saint Laurents bahnbrechender „Trapèze“-Kollektion, mit der er als 21-Jähriger sein Dior-Debüt feierte und zugleich eine neue Ära der Mode einläutete. Doch für Chiuri ist die Trapezlinie weit mehr als ein historisches Zitat: „Sie erinnert an Kinderkleider, doch ihre Konstruktion ist viel durchdachter.“ Und weiter: „Ich habe diese Elemente, die normaler­weise nicht Teil meines gestalterischen Repertoires sind, mit einem völlig neuen Ansatz überarbeitet. Die Kindheit verdient es, neu betrachtet zu werden, weil sie ein so prägender Teil unseres Lebens ist.“ Kindheit nicht als sentimentale Rückschau, sondern als gestalterisches ­Manifest – das Ergebnis: Ausgestellte Röcke, üppige florale Applikationen und irokesenartige Kopfbedeckungen verleihen den Looks eine ungezähmte Eleganz. Eine Ode an Heldinnen, die in ihrer Zerbrechlichkeit Kraft finden. Chiuri inszeniert die Unschuld der Kindheit mit der Radikalität einer Frau, die weiß: Erwachsenwerden bedeutet nicht, Träume aufzugeben, sondern sie zu behaupten.

Elsa Schiaparelli

„Ich wollte etwas schaffen, das sich neu anfühlt, weil es alt ist“, erklärt Daniel Roseberry über seine neue Couture-Kollektion für Schiaparelli. Der Titel? „Ikarus“ – doch während der mythologische Überflieger abstürzt, hebt Roseberry ab und zeigt, wie hoch ein Couturier wirklich fliegen kann. Sein Mut ist kein Wagnis, sondern Kalkül, keine Hybris, sondern Hochgefühl; keine Gefahr, sondern Grandezza. Seine Mission: Die Moderne aus ihrem minimalistischen Korsett befreien. „Warum wird das Neue ständig auf Reduktion und Schlichtheit reduziert? Warum darf das Neue nicht auch kunstvoll, barock, extravagant sein? Ist unsere Fixierung auf das, was ‚modern‘ aussieht, nicht längst eine Einschränkung? Hat sie unsere Fantasie gekostet?“, fragt er – und liefert prompt eine Antwort, die Opulenz neu definiert. Statt nüchterner Schnitte die große Geste; skulpturale Bustiers, Tüll, Perlmutt, Straußenfedern, Gold, Mokka, Buttertöne, ­wohin das Auge reicht. Eine Couture, die den Minimalismus verbannt und beweist: Wer nach der Sonne greift, kann nicht nur fallen – er kann auch einfach strahlen.

Armani Privé

Giorgio Armani feierte 20 Jahre Pariser Haute Couture mit einer Privé-Kollektion, die Kritiker als Krönung der Couture-Woche feierten. Als passender Rahmen diente sein neues Hauptquartier, ein herrschaftliches Pariser Stadthaus an der Rue François Premier. „Die Haute Couture hat mir erlaubt, eine andere Facette meines Stils zu zeigen – freier, glitzernder, aber immer unverkennbar Armani“, erklärte der 90-jährige Designer. Diese Freiheit zeigt sich in federleichten Seiden-Gazen, metallischem Satin und fließenden Seiden-Dhotis. Jacken mit drapierten Schößchen flüstern Eleganz, während ­mikroplissierte Metallic-Etuikleider, bestickt mit Stäbchenperlen, Pailletten und Mikro-Strass, den Rhythmus beschleunigen. Der bei Armani stets durchscheinende asiatische ­Einfluss manifestiert sich in Chiffon-Hosenanzügen, während ­seine charakteristischen „Nichtfarben“ – Zement, Dampfweiß, Wolkengrau – durch filigrane Bambus-, Chrysanthemen- und Palmendrucke eine fast meditative Tiefe erhalten. Das Ergebnis: Armani-Couture in ihrer reinsten Form – reduziert, raffiniert und radikal zeitlos.

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