Von der Zelle zur Suite

Rote Ziegel, hohe Mauern, vergitterte Fenster: In Nara, südlich von Kyoto, führen diese Spuren nicht mehr in ein Gefängnis, sondern in ein Hotel. Wo einst Häftlinge untergebracht waren, befinden sich heute 48 Suiten.

Von Alexander Pfeffer
Das mehrstöckige, offene Atrium eines in ein Luxushotel umgewandelten Gefängnisses mit freigelegten Backsteinwänden, runden Kronleuchtern und einer Hotelbar im Erdgeschoss.

Im Zentrum des Hoshinoya Nara Prison steht ein Wachturm, von dem fünf Flügel wie die Finger einer Hand ausgehen. Von hier aus wurde einst überwacht, was hinter den Türen geschah. Heute führen dieselben Wege zu 48 Hotelsuiten. Das Gebäude stammt aus dem Jahr 1908 und war Teil eines ambitionierten Projekts der Meiji-Zeit. Japan wollte seine Gefängnisse modernisieren und damit auch gegenüber dem Westen zeigen, dass das Land sich an internationale Standards annäherte. Nara Prison war eines von fünf großen Gefängnissen dieser Epoche und ist das einzige, das in seiner ursprünglichen Gesamtanlage erhalten geblieben ist. 2017 wurde es zum wichtigen Kulturgut erklärt. Im selben Jahr verliessen die letzten Häftlinge das Gefängnis. Dann wurde es still.

Fast ein Jahrzehnt später ist das Tor wieder offen. Dahinter hat Hoshino Resorts ein Hotel eingerichtet, daneben befindet sich ein Museum, das sich mit der Geschichte des Gefängnisses und dem japanischen Strafvollzug beschäftigt. Die Vergangenheit wurde also nicht wegrestauriert. Sie steht weiterhin da, nur ist die Perspektive eine andere.

In den Zimmern wird der Wandel besonders sichtbar. Jede der 48 Suiten entstand aus mehreren ehemaligen Zellen, neun, zehn oder elf hintereinander. Für die Umgestaltung war die Architektin Rie Azuma verantwortlich. Vieles durfte sie verändern, aber längst nicht alles. Die Auflagen für ein denkmalgeschütztes Gebäude waren streng. So blieben die roten Ziegel, Stahlträger, Bögen und die ungewöhnlich hohen Fenster erhalten. Sie geben keinen Blick auf die Straße frei. Stattdessen fallen Baumkronen und Himmel ins Blickfeld, während sich das Licht durch die Gitterstäbe im Lauf des Tages über die Wände bewegt. Von der früheren Strenge des Ortes ist damit noch einiges zu spüren.

Manche Spuren der früheren Nutzung sind dabei weniger offensichtlich. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde aus dem Gefängnis ein Jugendgefängnis. Es gab dort Ausbildungsprogramme, und sogar einen Friseursalon, der der Öffentlichkeit offenstand. Der Wakakusa Barbershop wurde zu einer Art Kontaktstelle zwischen Gefängnis und Stadt. Mehr als 18.000 Menschen sollen ihn besucht haben. Die Geschichte des Ortes war also nie nur eine Geschichte des Wegsperrens.

Heute ist es der Hotelgast, der durch die alten Räume streift. Vom Hotel führt ein eigener Zugang ins Gefängnismuseum, außerhalb der regulären Museumszeiten kann sogar ein erhaltener Zellenblock besucht werden. Dort bekommt die Geschichte des Gebäudes ihren historischen Kontext.

Auch beim Essen spielt die Geschichte weiter. Das Abendmenü folgt der Entwicklung der französischen Küche in Japan, von den ersten westlichen Einflüssen der Meiji-Zeit bis in die Gegenwart. Und dann ist da noch das alte Grammophon. Im ehemaligen Lagerhaus, das heute als Dining Lounge dient, setzt das Personal es noch von Hand in Gang, während daneben Getränke ausgeschenkt werden. Ein paar Schritte weiter beginnen die alten Zellentrakte. Das Gefängnis ist geblieben. Nur wartet heute niemand mehr darauf, dass sich die Tür öffnet.

© Fotos: Hoshino Resorts

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