Kunstgarten

Die Schau „Flora Fantastica“ in den Giardini Reali bringt Künstler aus dem „Swatch Art Peace Hotel“ in Shanghai nach Venedig, die Natur als politische und kulturelle Oberfläche zeigen.

Von Yasmin El Mohandes
Ein quadratisch gerahmtes Kunstwerk des Künstlers Mustafa Boğa, das zwei reife Orangen an einem Zweig als detailreiche Stickerei zeigt.

Venedig hat aufgehört, sich wie eine Stadt zu benehmen – die Lagune funktioniert während der Biennale eher wie ein gigantischer Ausstellungsapparat mit Vaporetto-Anschluss. Über 150 Begleitausstellungen verteilen sich über die Stadt; zwischen Marina Abramović in den Gallerie dell’Accademia, Georg Baselitz in der Fondazione Giorgio Cini und Erwin Wurm im Museo Fortuny versucht jede Ausstellung, größer, relevanter oder zumindest instagrammabler zu wirken als die nächste.

Und genau in diesem kulturellen Dauerrauschen passiert etwas Überraschendes: Ausgerechnet eine Ausstellung in einem Gewächshaus gehört zu den interessantesten Nebenschau­plätzen der Biennale.

Der Grund liegt auch am Sponsor – denn hinter „Flora Fantastica“ steht nicht irgendeine Kulturinstitution, sondern Swatch; jene Uhrenmarke, die längst verstanden hat, dass Kunstförderung im globalen Luxusmarkt eine härtere Währung sein kann als klassische Werbung.

Werk von Stefania Orrù

Ausgangspunkt Shanghai

In Shanghai betreibt Swatch seit mittlerweile 15 Jahren eine Künstlerresidenz, konkret das „Swatch Art Peace Hotel“. Mehr als 620 Künstler aus über 60 Ländern waren dort bereits zu Gast. Laut Carlo Giordanetti, CEO des Projekts, kommen die Künstler nicht nach Shanghai, um Uhren zu designen, sondern um ihre eigene Sprache zu entwickeln. Das spürt man auch in Venedig.

Die Werke der Italienerin Stefania Orrù etwa wirken wie geologische Oberflächen nach einer Naturkatastrophe: keine klaren Motive, keine gefällige Symbolik. Orrù kratzt, schleift und schichtet Material so lange übereinander, bis die Malerei fast körperlich wird. Ganz anders funktioniert Hammer Chen: Die Fotografin aus China beschäftigt sich mit den Baumlandschaften Shanghais. Für „Flora Fantastica“ fotografierte sie Rinden und montierte daraus hybride Oberflächen­bilder. Gedruckt wird auf Kupfer, Stoff und Spezial­papier, das Ergebnis sieht hyper­realistisch aus – und gleichzeitig komplett unwirklich.

Werk von Mustafa Boğa

Werk von Mustafa Boğa

Der Künstler Mustafa Boğa

Besonders stark ist die Arbeit des türkischen Künstlers Mustafa Boğa. Seine Bilder sehen zunächst aus wie klassische Ölgemälde oder hochauflösende Fotografien; tatsächlich handelt es sich um extrem präzise Stickereien. Seine Serie „Orange Tree“ entfaltet dabei eine eigenartige emotionale Wucht: Der Orangenbaum wird zum Symbol für Herkunft, Wärme und Verlust. Das Beeindruckende ist nicht nur die technische Perfektion, es ist die Langsamkeit dieser Arbeiten. In einer Kunstwelt, die ständig neue Bilder produziert, setzt Boğa auf Handarbeit mit nahezu absurdem Zeitaufwand. Jede Naht wirkt wie stiller Widerstand gegen den visuellen Overload der Gegenwart.

Ohne Kunstwelt-Pathos

„Flora Fantastica“ versucht nicht, Bedeutung zu behaupten. Die Schau beobachtet vielmehr, wie Natur heute überhaupt noch wahrgenommen wird: als Erinnerung, Material, Projektion, digitale Oberfläche oder konsumierbare Ästhetik. Pflanzen erscheinen hier nicht romantisch, sondern politisch, technologisch und kulturell aufgeladen.

Dass das Ganze ausgerechnet in den restaurierten ­Giardini Reali stattfindet, verstärkt die Wirkung zusätzlich. Drinnen sprechen Künstler über Langsamkeit, Materialität und Erinnerung, draußen jagen Sammler dem nächsten Dinner hinterher. Vielleicht ist genau das die eigentliche Pointe dieser Ausstellung.

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