Körpernah, wandelbar, tragbar: Die Trends der Mailänder Fashion Week

Wenig modische Experimente, dafür umso mehr ausgereifte und verkaufbare Entwürfe: So lässt sich die jüngste Ausgabe der Mailänder Modewoche zusammenfassen.

Von Yasmin El Mohandes

Ende Februar verwandelte sich Mailand in das Epizentrum der internationalen Modewelt. Designer präsentierten ihre Kollektionen für Herbst/Winter 2026/27. Mehr als 160 Termine standen dafür im offiziellen Kalender der Camera Nazionale della Moda Italiana. Dazu kamen zahlreiche Empfänge, Showroom-Termine und Events, die in der ganzen Stadt um die Aufmerksamkeit von Einkäufern, Presse, Influencern und Kundschaft konkurrierten.

Besonders im Fokus standen mehrere mit Spannung erwartete Designerdebüts.

Für das wohl größte Echo sorgte die erste Laufstegkollektion von Demna für Gucci. Während der Designer in seinen früheren Arbeiten, etwa bei Vetements oder Balenciaga, häufig mit übergroßen Silhouetten, Streetwear-Codes und demonstrativem Oversize arbeitete, schlug er bei Gucci eine überraschend andere Richtung ein. Statt voluminöser Hoodies und überdimensionierter Jacken dominierte eine radikal körpernahe Ästhetik: enge T-Shirts, ultrakurze Röcke, tief sitzende schmale Hosen sowie Leggings und Tailoring mit markanten Cut-outs an den Hüften. Inszeniert wurde dies in einem museumsartig gestalteten Raum, der in Dunkelheit getaucht und mit antiken Referenzen dekoriert war. Der lange, grell beleuchtete Laufsteg diente als Bühne für 83 Looks. Viele der Models gehörten zur aktuellen Spitzenriege der Branche, darunter Alex Consani, Amelia Gray, Vittoria Ceretti und Anok Yai. Den Höhepunkt der Show markierte der letzte Auftritt, als Kate Moss über den Runway schritt.

Das Supermodel kehrte damit nach mehr als zwei Jahrzehnten auf den Gucci-Runway zurück, eine bewusste Reminiszenz an die Ära von Tom Ford, unter dessen kreativer Leitung die Marke in den späten 1990er-Jahren eine Phase radikaler, provokanter Sinnlichkeit erlebte. Moss trug ein langärmeliges, vollständig mit schwarzen Pailletten besetztes Kleid, das seine eigentliche Wirkung erst beim Vorübergehen entfaltete: Ein extrem tiefer Rückenausschnitt gab den Blick auf ein ikonisches Detail frei, einen winzigen String mit Gucci-Logo, ein Accessoire, das bereits in den Ford-Jahren zum Kultobjekt geworden war.

Nach der Show erklärte der Designer, er habe Menschen zeigen wollen, „die ihren Körper lieben und ihn selbstbewusst inszenieren“. Ein Ansatz, der gut in den modischen Zeitgeist von 2026 passt, der sich wieder stärker an den hedonistischen Körperbildern der späten 1990er orientiert als an der gemütlichen Oversize-Ästhetik der Pandemiezeit.

Ganz anders, aber ebenso eindrucksvoll, präsentierte sich die zweite Kollektion von Louise Trotter für Bottega Veneta. Mit aufwendig verflochtenen Materialien, üppigen Fransen aus Seide und Fell sowie Paillettenarbeiten zeigte sie eine beinahe couturehafte Handwerkskunst. Ihre Entwürfe bewegten sich im spannungsvollen Dialog zwischen Strenge und Sinnlichkeit und unterstrichen einmal mehr den handwerklichen Anspruch des Hauses.

Viel Aufmerksamkeit erhielt auch das Debüt von Meryll Rogge bei Marni. Die Designerin griff die farbenreiche, leicht exzentrische Ästhetik der Markengründerin Consuelo Castiglioni auf und übersetzte sie in eine moderne Kollektion voller verspielter Muster, skulpturaler Silhouetten und überraschend tragbarer Looks.

Ein weiterer wichtiger Moment der Woche war der Einstand von Maria Grazia Chiuri bei Fendi. Unter dem Motto „Less I, more us“ präsentierte sie eine Kollektion, die mit Geschlechterrollen spielte: zarte Lingeriekleider trafen auf streng geschnittene Blazer, elegante Maxikleider wurden mit Details wie kragenförmigen Chokern gebrochen. Trotz vieler handwerklicher Raffinessen blieb der Auftakt bewusst zurückhaltend, zahlreiche Looks waren tiefschwarz, klassisch und auf Alltagstauglichkeit angelegt.

Neben den großen Debüts setzten viele etablierte Häuser auf Evolution statt Revolution. Maximilian Davis zeigte bei Ferragamo seine bislang überzeugendste Kollektion, architektonische Silhouetten kombiniert mit Anleihen an die maritime Herrengarderobe sorgten für eine moderne, souveräne Eleganz. Auch bei Etro spielte die Männergarderobe eine Rolle, allerdings opulenter interpretiert. Marco De Vincenzo mischte militärische und dandyhafte Elemente mit reich dekorierten Jacquards, Federn und aufwendigen Stickereien.

Minimalistische Eleganz prägte hingegen die Kollektionen von Jil Sander und Max Mara. Simone Bellotti arbeitete bei Jil Sander mit stark reduzierten Silhouetten und raffinierten Schnittdetails, die erst auf den zweiten Blick ihre Komplexität offenbarten. Max Mara wiederum übersetzte mittelalterliche Inspirationen in moderne Mäntel, kraftvolle Schulterpartien und weich fallende Formen.

Experimenteller ging es bei Prada zu. Das Kreativduo Miuccia Prada und Raf Simons ließ lediglich 15 Models über den Laufsteg laufen, allerdings jeweils viermal. Lagen wurden aufgebaut und wieder abgelegt, so dass eine reichhaltige und realistische Auswahl an Styling-Optionen entstand. So zeigte ein Model beispielsweise zunächst einen Arbeitsmantel über einem schwarzen Organzarock, im zweiten Schritt legte sie den Arbeitsmantel ab und gab den Blick auf eine Organzajacke frei, im dritten Schritt wurde das darunterliegende weiße bedruckte Kleid enthüllt. Die Show wurde so zur Demonstration des Layerings und zeigte, wie sich ein Look im Alltag immer wieder neu kombinieren lässt.

Auch abseits der Runways gab es Gesprächsstoff. In der ersten Reihe bei Prada saß überraschend Meta-Chef Mark Zuckerberg, ein Auftritt, der sofort Spekulationen über mögliche Kooperationen zwischen Tech- und Modebranche auslöste.

Am Ende hinterliess die Mailänder Modewoche ein klares Bild: Statt radikaler Experimente vertrauten viele Häuser auf sichere Eleganz, hochwertige Materialien und durchdachte Silhouetten. In unsicheren Zeiten konzentriert sich die italienische Modeindustrie vor allem auf eines: Kleidung, die nicht nur auf dem Laufsteg überzeugt, sondern auch im echten Leben funktioniert.

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