Hinter dem Funkeln
Wo beginnt die Reise eines Edelsteins? Für Felix und Nattaya Köck führt sie nach Chanthaburi – ihr Film „Lifecycle of a Gem“ begleitet die beiden auf der Suche nach besonderen Steinen.

Ein kleiner Stein liegt auf einem Tisch; unscheinbar, matt, kaum größer als ein Fingernagel. Jemand nimmt ihn in die Hand, dreht ihn ins Licht, betrachtet ihn durch die Lupe – dann fällt eine Entscheidung. In Chanthaburi im Osten Thailands kann ein solcher Moment darüber entscheiden, ob aus einem Rohstein später ein außergewöhnliches Schmuckstück wird. Die Stadt war bereits im 19. Jahrhundert für ihre Rubine und blauen Saphire bekannt; heute ist sie weniger mit dem Abbau beschäftigt, ihre Bedeutung liegt vor allem in der Verarbeitung und im Handel. Rohsteine aus Afrika, Myanmar, Sri Lanka und Kambodscha kommen hier zusammen, werden geschliffen, poliert und weitergehandelt. Der wöchentlich stattfindende Edelsteinmarkt ist ein Treffpunkt für Händler und Einkäufer aus verschiedenen Ländern.
Wer hier einkauft, braucht mehr als ein Zertifikat – man muss einen Stein lesen können. Felix Köck kennt diesen Markt seit vielen Jahren. Gemeinsam mit seiner Frau Nattaya reist er regelmäßig nach Thailand. Drei- bis viermal pro Jahr sind die beiden in Asien unterwegs. Sie kommen nicht als Touristen und auch nicht nur, um fertige Ware einzukaufen; sie suchen Steine für Schmuckstücke, die später in Wien entstehen sollen. Köck ist GIA-Gemmologe – er prüft Farbe, Reinheit, Schliff und mögliche Behandlungen. Gleichzeitig interessiert ihn, was ein Stein nicht auf den ersten Blick verrät: seine Qualität, sein Potenzial, seine Besonderheiten. Nattaya Köck betrachtet ihn aus einer anderen Richtung – sie leitet das Designteam und denkt bereits über Form und Fassung nach. „Viele sehen nur den funkelnden Stein, nicht aber die Menschen dahinter“, sagt Felix Köck. Aus diesem Gedanken entstand „Lifecycle of a Gem“: Gemeinsam mit einem Kamerateam haben die Köcks ihre Reise dokumentiert. Der Film folgt dem Stein auf seinem Weg: vom Einkauf über die Schleifereien bis zu seiner Verarbeitung in Wien.



Dabei wird schnell deutlich, dass der internationale Edelsteinhandel weniger anonym ist, als man vermuten könnte. Viele Geschäfte beruhen auf langjährigen Beziehungen – die Köcks kennen ihre Händler und Schleifer teils seit vielen Jahren. Wünsche nach bestimmten Steinen können bereits vor der Reise ausgetauscht werden; wenn Felix und Nattaya Köck in Chanthaburi ankommen, wissen die Partner, wonach gesucht wird. „Vertrauen aufzubauen ist in Thailand oft leichter als in Europa: Es gibt weniger Formalismen, dafür zählt das Wort“, so Felix Köck. Auch die Arbeit nach dem Einkauf findet nicht in einer anonymen Produktionskette statt – die Köcks besuchen kleine, familiengeführte Betriebe, gearbeitet wird teils in den eigenen vier Wänden. Das Wissen über das Schleifen und Bearbeiten wird innerhalb der Familien weitergegeben.



„Was zählt, sind Auge, Hand, Ohr und Erfahrung“, sagt Köck. Es ist eine andere Art von Präzision als jene, die man mit industrieller Fertigung verbindet: Der Schleifer muss den Stein kennen, bevor er ihn bearbeitet – jeder Schnitt verändert ihn. Was am Ende sichtbar wird, hängt davon ab, was vorher entfernt wurde. Für die Köcks gehört auch dieser Teil zur Geschichte des Schmuckstücks. Sie wollen wissen, wer an einem Stein gearbeitet hat und wo diese Arbeit stattfindet. Viele Menschen in der Region leben vom Edelsteinhandel; auch viele Frauen arbeiten teilweise von zu Hause aus. Die Wertschöpfung bleibt damit zumindest partiell in den Familien und Orten, in denen die Arbeit stattfindet. Köck nennt das „soziale Nachhaltigkeit“: „Uns ist wichtig zu sehen, dass die Wertschöpfung in den Ortschaften ankommt“, sagt er. Die Reise führt allerdings durch eine Region, die nicht nur für Edelsteine bekannt ist: Chanthaburi liegt nahe der kambodschanischen Grenze – während der Dreharbeiten kam es dort zu Kampfhandlungen. Die Köcks konnten ihre Reise dennoch fortsetzen. Am Ende geht es wieder um den Stein.
Er reist nach Wien. Im Atelier wird aus der gemmologischen Beurteilung eine gestalterische Aufgabe. Nattaya Köck entwickelt gemeinsam mit ihrem Team die Form, die Goldschmiede setzen sie um. Was in Thailand als Rohmaterial ausgewählt wurde, bekommt nun eine neue Bedeutung. Irgendwann liegt der Stein am Wiener Graben in einer Vitrine, poliert, gefasst, im Licht. Von seiner Reise ist nichts mehr zu sehen: nicht der Händler, der ihn angeboten hat; nicht der Schleifer, der ihn bearbeitet hat; nicht die vielen Entscheidungen, die zwischen dem Rohstein und dem fertigen Schmuckstück lagen. Am Ende bleibt vom langen Weg nur der Glanz. Die Geschichte dahinter muss man erzählen.
