Ein Hotel als Bühne

Das neue Le Magnifique in Montparnasse will mehr sein als ein Ort zum Übernachten. Der französische Designer und Innenarchitekt Vincent Darré macht daraus eine Reise durch sein Paris.

Von Alexander Pfeffer
Der luxuriöse Hotel-Pool im Untergeschoss des Le Magnifique mit blauem Mosaik und antiken Figuren an der Wand sowie zwei hellblauen Liegestühlen vor grünem Gitterwerk-Dekor.

Wenn im Le Picabia die Glocke läutet, ist Pause. Dann sollen die Theaterbesucher in der Rue de la Gaîté wieder auf ihre Plätze gehen. Der kleine Barraum im neuen Hotel Le Magnifique spielt dieses Ritual tatsächlich mit: Die Spielzeiten der umliegenden Bühnen werden angezeigt, die Glocke läutet zu Beginn der Vorstellungen und am Ende der Pausen. Auf dem Klavier könnte inzwischen jemand weiterspielen.

Es ist ein ziemlich guter Hinweis darauf, was Vincent Darré mit diesem Hotel vorhat. Der Pariser Innenarchitekt und Künstler hat das 62-Zimmer-Hotel als Hommage an das Montparnasse der Künstler, Theater und Bohemiens gestaltet. Hier soll man nicht einfach übernachten. Man soll in Paris hineingeraten.

Darré kennt die Gegend. Er ist im 14. Arrondissement aufgewachsen, in einer intellektuellen Familie, in der Bücher und Theater zum Alltag gehörten. Sonntags ging die Familie in La Coupole, die legendäre Brasserie am Boulevard du Montparnasse, in der einst Picasso, Cocteau und Simone de Beauvoir verkehrten. Eine andere Kindheitserinnerung führt ihn nach Saint-Germain-des-Prés: die großen Hände an den Säulen des ehemaligen Drugstore, die ihn schon damals faszinierten. Jahre später tauchen sie in anderer Form wieder auf. Das beginnt schon im Eingang. Die Säulen sind von Hand bemalt, eine große Freske führt in eine Welt aus Zirkus und Kunst, darüber schweben Vögel. Die alten Schlüssel an der Rezeption hängen an roten Quasten. Das Geländer der Treppe sieht aus wie eine Notenzeile. Wer hier nach der Zimmernummer sucht, hat eigentlich schon verloren.

Dabei ist der Ort selbst bereits voller Geschichte. Das Hotel steht an der Rue de la Gaîté, mitten im Theaterviertel von Montparnasse, in einem Gebäude, das einst das Théâtre des Mille Colonnes beherbergte. Die historische Fassade ist geblieben. Im Inneren hat Darré daraus eine Fortsetzung der alten Bühne gemacht. Fünf Etagen führen durch unterschiedliche Welten, vom Garten Eden über Mythologie und Unterwasserlandschaften bis zur Milchstraße. Ein gläserner Aufzug mit Meerjungfrauen, Seepferdchen und Seesternen bringt die Gäste von einer zur nächsten.

Auch die Zimmer verweigern sich der üblichen Hotelneutralität. Darré hat Möbel, Leuchten, Keramik, Teppiche und Wandbespannungen eigens für das Hotel entworfen. An den Wänden tauchen seine gezeichneten Verweise auf Künstler wie Sonia Delaunay, Kandinsky, Foujita, Picasso und Cocteau auf. Selbst die Vorhänge blieben nicht verschont. Darré mag die üblichen durchsichtigen Hotelvorhänge nicht besonders und ließ sie deshalb mit handgezeichneten Szenen bedrucken.

Einige Fenster sitzen an ungewöhnlichen Stellen, eine Folge später veränderter Türen und Grundrisse. Statt diese Unregelmäßigkeiten zu verstecken, machte Darré sie zum Teil des Dekors. Trompe-l’œil-Motive lassen die baulichen Eigenheiten in der Fantasie verschwinden. Aus einem Problem wird eine Szene.

Auch die Idee für den Pool war ursprünglich nicht vorgesehen. Während der Arbeit am Hotel brachte Darré ein Schwimmbad ins Spiel. Jetzt liegt es im Untergeschoss, umgeben von Säulen und Mosaiken mit antiken Figuren, die sich unter der Wasseroberfläche spiegeln. Dahinter öffnet sich ein Patio, dessen Gitterwerk von Handwerkern gefertigt wurde, die sonst an den Treillagen des Trianon in Versailles arbeiten.

Zu vieles in Le Magnifique ist eigens für diesen Ort entstanden, um das Hotel einfach als Dekorprojekt abzutun. Keramikerin Marie Martin arbeitete an den Fliesen des Aufzugs, Erwan de Rengervé schuf dreidimensionale Vögel für die Decken, Atelier Poulaillon die Wandbespannungen. Der große Sternenhimmel stammt von Joël Daguerre.

Und dann ist da noch Le Picabia. Die Bar ist nach Francis Picabia benannt und liegt dort, wo in einem Theater eigentlich der Abend beginnt. Die Glocke hängt bereit.

Vielleicht ist das die eigentliche Idee hinter dem Hotel: Die Bühne ist nicht verschwunden. Sie hat nur ihre Form gewechselt.

© Fotos: Courtesy of Christophe Bielsa

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