Dr. Emi Arpa: „Schönheit hat nichts mit Perfektion zu tun“
Weniger Perfektion, mehr Hautgesundheit: Dr. Emi Arpa über Beauty Hypes, wirksame Skincare, ästhetische Medizin und darüber, was gutes Well Aging wirklich bedeutet.

© Foto: Tim Loebbert
Dr. Emi Arpa gehört zu den bekanntesten Dermatologinnen der deutschen Beautybranche. Als Ärztin für Dermatologie und ästhetische Medizin verbindet sie medizinische Expertise mit einem kritischen Blick auf Trends und Wirkstoffversprechen und hat mit Dr. Emi Arpa Skin ihre eigene Hautpflegemarke gegründet. Ihr Verständnis von Schönheit folgt dabei keinem Ideal: Im Mittelpunkt stehen gesunde, vitale Haut und Treatments, die die individuelle Anatomie respektieren.
Sie sind Dermatologin, Unternehmerin und selbst längst eine Beauty-Persönlichkeit. Hat sich Ihr eigener Blick auf Schönheit verändert, seit Sie so intensiv Teil dieser Industrie sind?
Definitiv. Je länger ich in dieser Branche arbeite, desto weniger verbinde ich Schönheit mit Perfektion. Gerade durch Social Media vergleichen wir uns heute nicht mehr nur mit unserem direkten Umfeld, sondern theoretisch mit Millionen Menschen – und meistens mit sehr kuratierten Versionen davon. Gleichzeitig sehe ich in meiner Praxis jeden Tag, wie individuell Schönheit eigentlich ist. Für mich geht es deshalb viel stärker darum, Gesundheit, Vitalität und die eigene Anatomie zu erhalten, statt einem bestimmten Ideal hinterherzulaufen.
Wir erleben gerade eine enorme Flut an Wirkstoffen, Routinen und Skincare-Trends. Wird unsere Haut heute teilweise zu viel gepflegt?
In vielen Fällen ja. Das größte Problem ist aus meiner Sicht häufig nicht, dass Menschen zu wenig für ihre Haut tun, sondern dass sie zu viel gleichzeitig machen. Retinoide, Säuren, Vitamin C, Peelings – jeder einzelne Wirkstoff kann sinnvoll sein, aber die Haut profitiert nicht automatisch davon, alles miteinander zu kombinieren. Eine gute Routine muss auch nicht aus zehn Steps bestehen. Die Basis ist relativ unspektakulär: milde Reinigung, ausreichend Feuchtigkeit, eine intakte Hautbarriere - unterstützt zum Beispiel durch Ceramide und Ectoin - und tagsüber konsequenter UV-Schutz. Fermentierte Inhaltsstoffe können die Hautpflege zusätzlich sinnvoll ergänzen. Stärkere aktive Wirkstoffe wie Retinal oder AHA-/BHA- Säuren kommen dann gezielt dazu – und idealerweise einer nach dem anderen.
Welche Entwicklung in der Hautpflege halten Sie tatsächlich für einen großen Fortschritt und bei welchem aktuellen Hype sind Sie eher skeptisch?
Skeptisch werde ich vor allem dann, wenn aus ersten vielversprechenden Erkenntnissen bereits sehr weitreichende Wirksamkeitsversprechen abgeleitet werden. Gleichzeitig finde ich es wichtig, neuen Ansätzen offen gegenüberzustehen. Gerade K-Beauty zeigt häufig, wie spannend es sein kann, Wirkstoffe früh aufzugreifen, die noch nicht abschließend erforscht sind, aber bereits ein interessantes wissenschaftliches Potenzial zeigen. Entscheidend ist für mich, klar zu unterscheiden zwischen vielversprechendem Potenzial und bereits belastbar belegter Wirkung und genau das, auch transparent zu kommunizieren.
Sie sprechen sehr viel über eine gesunde Hautbarriere. Woran erkennt man eigentlich, dass man seiner Haut gerade zu viel zumutet und wann braucht sie schlicht weniger statt mehr?
Das kann man schwer verallgemeinern, da jede:r anders reagiert, aber typische Warnsignale sind Spannungsgefühle, Trockenheit, Rötungen, Schuppung oder plötzliches Brennen – teilweise sogar bei Produkten, die vorher problemlos vertragen wurden. Auch wenn die Haut auf einmal sehr reaktiv wird oder vermehrt Unreinheiten entwickelt, lohnt sich ein Blick auf die Routine. Dann ist meistens nicht der Moment für den nächsten Wirkstoff, sondern für „Back to Basics“: milde Reinigung, Feuchtigkeit, barrierunterstützende Lipide wie Ceramide und konsequenter Sonnenschutz. Actives kann man pausieren und später langsam wieder einschleichen.
Retinal, Peptide, Exosomen, Polynukleotide, Fermente: Die Beautywelt wird immer wissenschaftlicher. Welche Wirkstoffe werden Ihrer Meinung nach überschätzt und welche unterschätzt?
Ich finde es schwierig, Wirkstoffe pauschal als über- oder unterschätzt einzuordnen. Entscheidend ist immer, wie ein Produkt zusammengesetzt ist, wie hoch der Wirkstoff dosiert ist und ob seine Wirkung wissenschaftlich belegt ist. Retinoide, also Vitamin-A-Abkömmlinge wie Retinol oder Retinal, gehören für mich nicht zu den überbewerteten Inhaltsstoffen. Ihre Wirksamkeit gegen bestimmte Zeichen der Hautalterung ist gut untersucht. Bei Peptiden, kleinen Eiweißbausteinen, die unterschiedliche Funktionen in der Haut unterstützen können, muss man genauer hinschauen. Denn nicht jedes Peptid wirkt gleich gut. Exosomen, winzige Partikel, mit denen Zellen Informationen austauschen, sind wissenschaftlich spannend. Für viele der großen Versprechen in Hautpflegeprodukten fehlen aber noch überzeugende Studien. Ähnlich ist es bei Polynukleotiden, Bestandteilen der DNA, die vor allem in der ästhetischen Medizin zur Verbesserung der Hautqualität eingesetzt werden. Auch hier brauchen wir mehr Langzeitstudien. Interessant finde ich außerdem Fermente, also Inhaltsstoffe, die durch Fermentation mithilfe von Mikroorganismen entstehen, sowie Postbiotika. Sie können je nach Zusammensetzung die Hautpflege sinnvoll ergänzen und die Hautbarriere unterstützen. Häufig unterschätzt werden dagegen bewährte Inhaltsstoffe wie Ceramide, Cholesterol und Fettsäuren, die helfen, die natürliche Schutzbarriere der Haut zu erhalten. Auch Azelainsäure, die unter anderem gegen Unreinheiten und Rötungen eingesetzt wird, verdient mehr Aufmerksamkeit. Denn eine gesunde, widerstandsfähige Hautbarriere ist oft wichtiger als der neueste Trendwirkstoff.
Ihre Produkte basieren unter anderem auf Fermenten und Postbiotika. Was können diese tatsächlich für die Haut und wo beginnt auch bei solchen Trendbegriffen das Marketing?
Fermente beschäftigen mich schon sehr lange, weil es für bestimmte fermentierte beziehungsweise postbiotische Inhaltsstoffe interessante Daten zu Hautbarriere, Feuchtigkeit, Rötungen oder oxidativem Stress gibt. Genau deshalb ziehen sie sich auch durch unsere Formulierungen. Wichtig ist aber: „Ferment“ oder „Postbiotikum“ allein ist noch kein Qualitätsmerkmal und noch kein Wirksamkeitsbeleg. Entscheidend ist, um welchen konkreten Inhaltsstoff es geht, wie er hergestellt wurde, in welcher Konzentration er eingesetzt wird und welche Daten genau dazu existieren. Marketing beginnt für mich dort, wo man aus einem Sammelbegriff automatisch eine Wirkung ableitet oder einem Inhaltsstoff plötzlich sehr viele Effekte zugeschrieben werden, die so gar nicht belegt sind.

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Sie arbeiten gleichzeitig mit Skincare und ästhetischer Medizin. Wo liegt für Sie die Grenze dessen, was eine Creme leisten kann und wann kann sie ein Versprechen schlicht nicht mehr erfüllen?
Skincare kann unglaublich viel für die Hautqualität leisten: Sie kann die Barriere unterstützen, Feuchtigkeit spenden, Unreinheiten entgegenwirken und mit den richtigen Wirkstoffen auch die Haut praller aussehen lassen. Aber eine Creme kann keine verlorenen Volumina ersetzen, Gewebe nicht anatomisch repositionieren und eine tiefe Falte nicht einfach verschwinden lassen. An diesem Punkt muss man ehrlich bleiben. Für manche Anliegen sind medizinische Verfahren wie Laser, Biostimulation, Neuromodulatoren oder andere Treatments geeigneter. Gute Skincare und ästhetische Medizin konkurrieren für mich deshalb nicht miteinander. Sie haben unterschiedliche Aufgaben.
Als Dermatologin hinterfragen sie kritisch, als Unternehmerin wollen Sie Produkte verkaufen. Gibt es Momente, in denen diese beiden Rollen miteinander in Konflikt geraten?
Natürlich entsteht dadurch eine besondere Verantwortung. Gerade deshalb muss für mich die Ärztin immer die Instanz bleiben, die am Ende entscheidet, was ich vertreten kann. Ich möchte niemandem ein Produkt verkaufen, das die Person nicht braucht, und ich möchte auch keinen Wirkstoff einsetzen, nur weil er sich gerade gut vermarkten lässt. In der Produktentwicklung haben wir Launches verschoben und Formulierungen immer wieder überarbeitet, wenn sie meinen Ansprüchen nicht entsprochen haben – auch wenn das wirtschaftlich natürlich unangenehm ist. Langfristig funktioniert eine Marke, die so eng mit meiner Person und meiner medizinischen Expertise verbunden ist, ohnehin nur über Vertrauen. Das wäre sehr schnell verspielt, wenn Business vor Integrität käme.
In der ästhetischen Medizin verändert sich gerade das Ideal. Statt möglichst faltenfrei auszusehen, soll man gesund, frisch und „wie man selbst“ wirken. Beobachten Sie diesen Wandel auch bei Ihren Patientinnen?
Ja, sehr. Viele Patient:innen kommen gar nicht mit dem Wunsch zu mir, eine bestimmte Falte zu entfernen. Sie sagen eher: „Ich sehe müde aus“ oder „Ich möchte wieder frischer aussehen.“ Das finde ich grundsätzlich eine sehr schöne Entwicklung, weil der Fokus stärker auf Hautqualität, Proportionen und langfristiger Hautgesundheit liegt. Gleichzeitig ist „Natürlichkeit“ ein interessantes Wort, denn ein natürlich wirkendes Ergebnis bedeutet nicht automatisch, dass weniger behandelt wurde. Für mich ist deshalb viel entscheidender, dass eine Behandlung die individuelle Anatomie respektiert und ein Gesicht nicht zu einer Schablone macht. Idealerweise sieht niemand eine Behandlung, sondern nur einen Menschen, der erholt und gesund aussieht.
Wenn Sie das Gesicht einer Frau betrachten, sehen Sie dann automatisch als Dermatologin hin oder können Sie Schönheit noch völlig losgelöst von Hautqualität, Pigmentierung und Falten wahrnehmen?
Den dermatologischen Blick kann ich wahrscheinlich nicht komplett ausschalten. Ich sehe Hautveränderungen oder bestimmte anatomische Strukturen automatisch – so wie jemand aus der Mode vermutlich sofort einen Schnitt oder ein Material wahrnimmt. Aber das ist etwas völlig anderes als meine Wahrnehmung von Schönheit. Eine Pigmentierung, eine Falte oder eine Narbe macht einen Menschen für mich nicht weniger schön. Medizinisch etwas zu erkennen bedeutet nicht, es ästhetisch als Fehler zu bewerten. Diese Trennung ist mir sehr wichtig.
Was würden Sie heute aus dermatologischer Sicht nicht mehr mit Ihrer eigenen Haut machen, obwohl Sie es früher vielleicht ausprobiert hätten?
Ich würde meine Haut nicht mehr für einen schnellen Effekt überfordern. Also nicht mehrere neue Wirkstoffe gleichzeitig starten, ständig Produkte wechseln oder exfolieren, nur weil sich die Haut danach kurzfristig besonders glatt anfühlt. Wir leben in einer Beautywelt, in der man sehr schnell das Gefühl bekommt, man müsse permanent optimieren. Dabei braucht Haut vor allem Kontinuität. Und was ich wirklich niemals unterschätzen würde, ist UV-Strahlung. Man kann sehr viel Geld für Wirkstoffe und Treatments ausgeben, wenn der tägliche Sonnenschutz fehlt, arbeitet man an einer anderen Stelle permanent dagegen.
Sie haben Zugang zu praktisch jedem Treatment und jedem Beautyprodukt. Was ist trotzdem Ihr persönlicher „Low Effort, High Impact“ Beauty-Trick?
Sonnenschutz. Es klingt fast langweilig, aber es gibt kaum etwas, das mit so wenig täglichem Aufwand langfristig so viel bewirken kann. UV-Strahlung spielt bei vorzeitiger Hautalterung, Pigmentveränderungen und natürlich auch bei Hautkrebs eine enorme Rolle. Deshalb ist ein SPF, den man wirklich gerne und konsequent benutzt, für mich wertvoller als die komplizierteste Zehn-Schritte-Routine. Und an manchen Morgen braucht es tatsächlich gar nicht viel mehr als Antioxidantien, Feuchtigkeit – je nach Hauttyp – und SPF.
Was wurde Frauen jahrelang eingeredet, sollte aber lieber ignoriert werden?
Dass sichtbares Altern automatisch etwas ist, das korrigiert werden muss. Ich habe überhaupt nichts gegen ästhetische Medizin – offensichtlich –, aber für mich macht es einen großen Unterschied, ob jemand etwas aus einem eigenen Wunsch heraus verändert oder weil das Gefühl entstanden ist, mit einer Falte, einer Pigmentierung oder einem nicht perfekten Gesicht stimme etwas nicht. Well-Aging bedeutet für mich nicht, mit 50 wie 30 auszusehen. Es bedeutet, Haut und Gewebe möglichst lange gesund und vital zu erhalten und dabei trotzdem noch wie man selbst auszusehen.
