Dior serviert mehr als Mode
Wer die neue Dior-Adresse in Mailand betritt, kommt an Mode nicht vorbei. Aber auch nicht an Georg Baselitz, Peter Marino und Enrico Bartolini, Italiens höchstdekoriertem Sternekoch.

Louis Vuitton, Fendi, Tiffany, Bulgari: Auf der Via Montenapoleone reiht sich eine LVMH-Adresse an die nächste. Seit Mitte September gehört auch Dior wieder dazu. Das neue „House of Dior“ ist dabei mehr als ein Geschäft: Auf drei Ebenen kommen Mode, Kunst, Interieur und Gastronomie zusammen. Peter Marino hat die Innenräume gestaltet. Der New Yorker Architekt arbeitet seit mehr als 30 Jahren mit Dior und kennt auch Mailand bestens. Eine seiner liebsten Erinnerungen an die Stadt reicht zurück in die 1980er-Jahre, als er die Wohnung von Giorgio Armani entwarf. Armani habe später kaum etwas daran verändert, erzählt Marino. Für ihn eines der schönsten Komplimente.
In Mailand bekam Marino ein Gebäude aus dem späten 17. Jahrhundert und rund 1300 Quadratmeter zur Verfügung. Die Räume verteilen sich auf drei Ebenen, dazwischen liegen Innenhöfe und Terrassen. Der belgische Landschaftsarchitekt Peter Wirtz hat die Gärten und begrünten Bereiche gestaltet. Überall tauchen Pflanzen auf, dazu Zitronenbäume, Blumenbeete, Wisteria, Schmetterlinge und Vögel. Selbst ein Flamingo steht im Fenster, gefertigt aus Stoffresten der Dior-Ateliers. Christian Diors Leidenschaft für Gärten zieht sich durch das gesamte „House of Dior“.



Und dann hängt dort Georg Baselitz. In einem privaten Salon sind zwei Blumen-Aquarelle des großen deutschen Malers zu sehen, der im April dieses Jahres verstorben ist. Direkt beim Eingang steht Michelangelo Pistolettos Porträt von Christian Dior. An den Treppen hängen Arbeiten von Lee Bul und Claudia Wieser. Im Restaurant folgt ein großformatiges Gemälde von Francesco Clemente. Dazwischen stehen Möbel von Claude Lalanne, Vittorio Introini und Paul Kingma.
Marino erzählt, dass er sich vor jedem Dior-Projekt zunächst in die Archive begibt. Bei Dior findet er dort nicht nur Kleidung, sondern auch Bilder von Christian Diors Häusern und Interieurs. Für ihn sei es, als würde er für Monsieur Dior selbst arbeiten. Das zeigt sich auch in Mailand: Französische Wandvertäfelungen und Antiquitäten treffen auf zeitgenössische Kunst und üppig begrünte Innenhöfe.
Die vielleicht ungewöhnlichste Verbindung findet sich allerdings im Restaurant. Monsieur Dior heißt das Lokal, zwölf Tische gibt es. Verantwortlich ist Enrico Bartolini. Über seine Restaurants hat der Italiener insgesamt 14 Michelin-Sterne gesammelt. Seine Verbindung zu Dior begann lange vor dem neuen „House of Dior“ in Mailand. . Bartolini stammt aus Montecatini Terme, jenem toskanischen Kurort, in den Christian Dior regelmäßig fuhr. Als Schüler der dortigen Hotelfachschule kaufte er Diors Kochbuch „La Cuisine Cousu-Main“. Er besitzt es noch heute.



Für die Vorbereitung auf das Restaurant ging Bartolini später in die Dior-Archive an der Avenue Montaigne. Er sah sich Kleider, Stoffe, Farben und Muster an. Daraus entstanden Gerichte, die nicht einfach nach Dior benannt sind, sondern tatsächlich auf Entwürfe reagieren. Ein Risotto mit Roter Bete und Gorgonzola nimmt die Farben eines Dior-Kleides auf. Für die „Tartare Fleury“ diente ebenfalls ein Kleid als Ausgangspunkt. Beim Dessert „Cremoso Fraise Citron“ dachte Bartolini an ein Kleid von Grace Kelly, das heute im Dior-Museum in Paris ausgestellt ist.
Die Mode selbst verteilt sich auf die verschiedenen Bereiche des „House of Dior“. Jonathan Andersons Dior-Damenkollektionen sind gemeinsam mit Schuhen und Taschen zu sehen. Auch die Haute Joaillerie von Victoire de Castellane ist hier vertreten. Für Männer gibt es Ready-to-wear, Schuhe und Accessoires, außerdem Maß- und Abendgarderobe. Zur Eröffnung wurden einige Modelle exklusiv für Mailand aufgelegt, darunter die „Dior Bow Pumps“ und die „Dior Ribbon Sneakers“ im Leopardenmuster.
© Fotos: Jonathan Taylor
