Die wahre Stärke

Was passiert, wenn der Körper die Entscheidung trifft, die der Verstand nicht treffen will? In ihrem neuen Buch erklärt Prof. Dr. h. c. Nike Schröder, warum wahre Größe oft im Innehalten liegt.

Ein ausdrucksstarkes Schwarz-Weiß-Porträt von Prof. Dr. h. c. Nike Schröder für ihr neues Buch über Gesundheit, Stressmanagement und Selbstfürsorge.

© Foto: Privat

DIVA: Was hat Sie dazu bewegt, dieses Buch zu schreiben?

Nike Schroeder: Die Idee für dieses Buch trug ich schon lange in mir. Den entscheidenden Impuls gab eine Begegnung mit Oprah Winfrey – im Gespräch sagte sie zu mir: „Du solltest ein Buch schreiben.“ Für sie war es vielleicht nur ein Satz; für mich war es der Anstoß, etwas Wirklichkeit werden zu lassen, das mich schon lange beschäftigt hat: die Beobachtung, dass viele Menschen nach außen funktionieren, aber innerlich längst am Limit sind. Nach meinem eigenen Zusammenbruch wurde mir klar, dass Stärke völlig neu definiert werden muss.

 

DIVA: Sie haben gerade Ihren eigenen Zusammenbruch angesprochen. Wie sehr hat diese Erfahrung Ihre Sicht auf Gesundheit verändert?

NS: Mein Zusammenbruch hat meine Sicht auf ­Gesundheit komplett auf den Kopf gestellt. Vor dieser Krise glaubte ich wie viele Menschen, dass Dis­ziplin die Antwort auf fast alles sei: mehr ­leisten, mehr Verantwortung übernehmen, noch stärker sein. Das Gefährliche an Überlastung ist, dass sie selten über Nacht entsteht. Sie schleicht sich langsam ins Leben. Bei mir kam der Punkt, an dem mein Körper die Entscheidung getroffen hat, die mein Verstand nicht treffen wollte. Rückblickend war das einer der schmerzhaftesten Momente meines Lebens. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass ­Gesundheit nicht bedeutet, immer funktionieren zu können. Gesundheit bedeutet, mit sich selbst verbunden zu sein. Die größte Erkenntnis meiner ­Krise war vielleicht diese: Der Körper verrät uns nie, er spricht jeden Tag mit uns – die Frage ist nur, ob wir bereit sind, zuzuhören.

 

DIVA: Was haben Sie nach dieser Krise in Ihrem Leben ganz konkret verändert?

NS: Nach meiner Krise habe ich nicht einfach ein paar Gewohnheiten verändert – ich habe meine gesamte Definition von Erfolg verändert. Früher habe ich meinen Tag danach bewertet, was ich geschafft habe. Heute frage ich mich zuerst: „Wie geht es mir wirklich?“ Früher war mein Kalender voller Termine – heute plane ich bewusst Zeitfenster ein, in denen nichts stattfinden darf: Zeit für Regeneration, Bewegung, Natur, Familie; oder einfach nur für ­einen Moment der Stille. Ein weiterer wichtiger Punkt war mein Umgang mit Grenzen: Viele Jahre dachte ich, stark zu sein bedeutet, immer Ja zu sagen. Heute weiß ich, dass wahre Stärke oft darin liegt, Nein
zu sagen. Paradoxerweise hat mich das nicht weniger erfolgreich gemacht. Im Gegenteil: Ich habe mehr Energie, mehr Klarheit, mehr Lebensfreude – und ein viel stärkeres Gefühl dafür, was im Leben wirklich zählt.

Nike Schröder: „Die Kunst, stark zu bleiben, wenn alles zu viel ist“, Forward Verlag.

DIVA: Viele Menschen stehen heute permanent unter Druck. Was macht chronischer Stress mit uns?

NS: Chronischer Stress gehört heute zu den stärksten und gleichzeitig am meisten unterschätzten Faktoren, die unseren Alterungsprozess beschleunigen. Unser Körper ist eigentlich für kurzfristigen Stress gemacht – das Problem entsteht, wenn aus ­einer kurzfristigen Belastung ein Dauerzustand wird. Genau das erleben heute Millionen Menschen. Der Körper unterscheidet dabei nicht zwischen einer lebensbedrohlichen Gefahr und einem permanent überfüllten Alltag. Für ihn bedeutet Dauerstress immer Alarmzustand. Ich sage oft: Stress ist wie Rost von innen – man sieht ihn am Anfang nicht, aber er arbeitet ununterbrochen.

 

DIVA: Was beobachten Sie bei erfolgreichen Menschen hinter den Kulissen am häufigsten?

NS: Was mich in den letzten Jahren am meisten überrascht hat, ist die Diskrepanz zwischen dem, was wir nach außen sehen, und dem, was hinter verschlossenen Türen tatsächlich passiert. Viele Menschen haben gelernt, erfolgreich zu sein – aber sie haben nie gelernt, gesund erfolgreich zu sein. Sie wissen, wie man Ziele erreicht. Sie wissen, wie man Verantwortung übernimmt. Sie wissen, wie man durchhält. Aber viele haben nie gelernt, wie man loslässt. Aus Ehrgeiz wird Perfektionismus. Aus Verantwortung wird Überforderung. Aus Engagement wird Selbstausbeutung. Für mich bedeutet Erfolg heute etwas anderes: morgens mit Energie aufzuwachen, Zeit für die Menschen zu haben, die man liebt – und Ziele zu verfolgen, ohne sich selbst dabei zu verlieren.

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DIVA: Sie sprechen davon, sich selbst nicht zu verlieren. ­ Warum betrifft das aus Ihrer Sicht besonders viele Frauen?

NS: Viele Frauen haben gelernt, für andere da zu sein – aber nicht gelernt, genauso selbstverständlich für sich selbst da zu sein. Wenn ich mit Frauen spreche, höre ich immer wieder dieselbe Geschichte: Sie kümmern sich um ihre Kinder, ihre Partner, ihre Eltern, ihre Arbeit und ihr Umfeld. Was dabei oft passiert: Alle anderen stehen auf ihrer Prioritätenliste ganz oben – nur sie selbst nicht. Deshalb wollte ich mit meinem Buch eine Botschaft senden, die mir besonders wichtig ist: Selbstfürsorge ist kein Luxus. Selbstfürsorge ist keine Belohnung. Und Selbstfürsorge ist schon gar kein Egoismus. Sie ist eine Voraussetzung dafür, langfristig gesund, stark und glücklich zu bleiben.

 

DIVA: Was unterschätzen die meisten Menschen, wenn es um langfristige Gesundheit geht?

NS: Ich glaube, das, was Menschen am meisten unterschätzen, ist die Tatsache, dass Gesundheit nicht durch einzelne große Entscheidungen entsteht, sondern durch Tausende kleine Entscheidungen, die wir jeden Tag treffen. Viele suchen nach der perfekten Lösung, dem neuesten Gesundheitstrend oder dem geheimen Longevity-Hack – dabei übersehen wir oft das Wesentliche. Je tiefer ich in die Wissenschaft eintauche, desto stärker wird eine Erkenntnis: Die Grundlagen gewinnen fast immer. Schlaf gewinnt. Bewegung gewinnt. Stressmanagement gewinnt. Soziale Beziehungen gewinnen. Nicht spektakulär – aber unglaublich wirksam. Gesundheit ist wie ein Konto: Jeder Tag zahlt entweder ein oder hebt etwas ab. Und die meisten merken erst sehr spät, wie lange sie bereits im Minus leben. Deshalb lautet meine wichtigste Botschaft: Warten Sie nicht auf den perfekten Zeitpunkt, um auf sich zu achten – denn die Gesundheit, die wir in zehn oder zwanzig Jahren haben werden, entsteht in den Entscheidungen, die wir heute treffen.

 

DIVA: Viele verbinden Longevity mit einem möglichst langen Leben. Was bedeutet dieser Begriff für Sie persönlich?

NS: Für mich bedeutet Longevity nicht, dem Alter davonzulaufen – es bedeutet, dem Leben länger wirklich gewachsen zu sein. Es geht nicht darum, mit 70 auszusehen wie 40. Es geht darum, mit 70 noch neugierig zu sein, klar denken zu können, sich frei bewegen zu können und das Leben aktiv gestalten zu können. Deshalb ist mein persönliches Ziel nicht, möglichst lange zu funktionieren – ich möchte möglichst lange lebendig bleiben.

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