Die vielen Gesichter Indiens
Drei Fotografen, drei Handschriften und ein Land, das sich jeder einfachen Beschreibung entzieht. Der Pirelli Kalender 2027 erzählt von Indien, seinen Menschen und einer besonderen Vater-Tochter-Geschichte.

Indien ist kein Land, das sich auf einen Nenner bringen lässt. Zu groß sind die Gegensätze, zu unterschiedlich die Lebenswelten, zu sehr liegen Vergangenheit und Gegenwart manchmal nur eine Straßenecke auseinander. Wer das Land fotografieren will, muss sich entscheiden, welchen Blick er wählt. Für die 53. Ausgabe des Pirelli Kalenders sind es gleich drei. Erstmals in der Geschichte des Kalenders arbeiten drei Fotografen an einer Ausgabe: der Norweger Sølve Sundsbø sowie der indische Fotograf Raghu Rai und seine Tochter Avani Rai. Daraus ist eine Geschichte entstanden, die weit über die üblichen Porträts berühmter Frauen hinausgeht.
Für Raghu Rai sollte es eine Begegnung mit dem Land werden, das er sein Leben lang fotografiert hatte. Seit 1965 hielt er Indien fest, seine Straßen und Märkte, seine politischen Umbrüche, seine religiösen Rituale und die Menschen, die darin ihren Alltag bestreiten. Mehr als sechs Jahrzehnte lang entstand so ein Archiv, das weit über die Grenzen der klassischen Reportagefotografie hinausreicht. Für den Pirelli Kalender wollte Rai ältere Aufnahmen mit Bildern des heutigen Indien konfrontieren. Er starb im April, bevor er das Projekt abschließen konnte.

Foto © Avani Rai

Foto © Avani Rai

Foto © Avani Rai
Seine Tochter Avani Rai, ebenfalls Fotografin, entschied sich, die Arbeit fortzuführen. Sie nahm Bilder aus dem Archiv ihres Vaters, darunter bislang unveröffentlichte Aufnahmen, und kehrte an die Orte zurück, an denen sie entstanden waren. In Delhi und Mumbai fotografierte sie die Menschen von heute. Alte und neue Bilder treten so miteinander in Beziehung. Was hat sich verändert? Was ist geblieben? Manchmal sind es nur Details am Straßenrand, manchmal ganze Lebenswelten. Die Bilder geben keine Antworten vor. Sie lassen vielmehr erkennen, wie viel Zeit in einem einzigen Ort stecken kann.
Sølve Sundsbø wählt einen anderen Zugang. Er porträtiert neun Frauen, die auf unterschiedliche Weise mit Indien verbunden sind. Unter ihnen sind die Schauspielerin Freida Pinto, die Musikerin Anoushka Shankar, die Poetin Rupi Kaur und das Model Bhavitha Mandava. Sundsbø interessiert sich für die Möglichkeiten der Inszenierung: für Farben, Stoffe, Oberflächen und das Spiel mit Licht. Seine Fotografien sind sorgfältig komponierte Porträts, in denen sich Mode und Persönlichkeit begegnen.

Foto © Sølve Sundsbø

Foto © Sølve Sundsbø

Foto © Sølve Sundsbø

Foto © Sølve Sundsbø
Dass diese beiden Bildwelten in einer Ausgabe zusammenkommen, macht den Kalender aus. Hier die kontrollierte Inszenierung, dort die Unberechenbarkeit des Alltags. Hier die einzelne Frau vor der Kamera, dort die vielen Gesichter eines Landes. Und dazwischen die Arbeit eines Fotografen, dessen Blick seine Tochter weiterträgt, ohne ihn einfach zu kopieren.
