Das „Kleine Schwarze“ wird 100

Ein Kleidungsstück bleibt selten ein ganzes Jahrhundert relevant. Das „Kleine Schwarze“ schon. Coco Chanel legte den Grundstein für ein Kleid, das Hollywood eroberte, Moderegeln brach und schließlich im Alltag ankam.

Von Alexander Pfeffer
Schwarz-Weiß-Fotografie von Audrey Hepburn als Holly Golightly vor dem Tiffany-Schaufenster in New York mit Sonnenbrille und Kaffeebecher.

© gettyimages

Es hängt im Kasten und wartet. Auf die nächste Einladung, die nächste Feier, den nächsten großen Abend. Oder auf den Moment, in dem man vor dem vollen Kleiderschrank steht und trotzdem nichts zum Anziehen findet. Die Rede ist vom „Kleinen Schwarzen“. Vielleicht ist das die erstaunlichste Leistung dieses Kleidungsstücks. Es muss nicht erklären, warum es da ist. Es ist einfach da. Seit 100 Jahren.

Als Coco Chanel 1926 ein schlichtes schwarzes Kleid zeigte, war das durchaus ungewöhnlich. Schwarz war lange mit Trauer und Dienstkleidung verbunden. Chanel machte daraus eine Modefarbe. Die amerikanische Vogue verglich ihren Entwurf sogar mit dem berühmten Automodell T von Ford und nannte ihn den „Chanel Ford“: ein schlichtes Kleid, das, so die Prognose des Magazins, Frauen überall tragen würden.

Das klingt heute banal. Damals war es ziemlich radikal. Denn die Damenmode verlangte nach Korsetts, Stoffmengen und allerlei Aufwand. Chanel strich das alles zusammen. Ihr Kleid ließ den Körper in Ruhe. Es behinderte nicht beim Gehen, Sitzen, Arbeiten. Und es hatte einen weiteren Vorteil: Man musste sich nicht besonders gut mit Mode auskennen, um es zu verstehen.

Schwarz und fertig.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum dieses Kleid ein Jahrhundert überlebt hat. Es ist weniger ein konkretes Kleid als eine Art Gebrauchsanweisung. Zieh etwas Schwarzes an und entscheide anschließend selbst, was daraus werden soll. Das konnte sehr unterschiedlich aussehen. Christian Dior machte aus Schwarz in den Fünfzigerjahren eine Angelegenheit für die Cocktailstunde. Yves Saint Laurent verwendete die Farbe später für Kleider, Smokings und Entwürfe, die zwischen Strenge und Erotik wechselten. Schwarz war plötzlich nicht mehr zurückhaltend. Es konnte ziemlich laut sein, ohne einen einzigen Farbton zu benötigen.

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Dann kam Audrey Hepburn.

Ihr Givenchy-Kleid aus „Frühstück bei Tiffany“ von 1961 ist wahrscheinlich das berühmteste schwarze Kleid der Welt. Es war lang, aus Satin und damit streng genommen schon ein kleiner Regelbruch gegenüber der ursprünglichen Idee des unkomplizierten Tageskleides. Aber Modegeschichte hält sich selten an Definitionen. Hepburn brauchte dazu eine Perlenkette, Handschuhe, Sonnenbrille und eine Croissant-Tüte. Mehr Popkultur geht kaum.

Édith Piaf trug Schwarz auf der Bühne, weil ihre Kleidung nicht von ihrer Stimme ablenken sollte. Das Kleid wurde Teil ihrer Erscheinung, aber nicht zum eigentlichen Thema. Bei Audrey Hepburn war es umgekehrt: Dort wurde das Kleid selbst zur Geschichte.

Dann wechselte Schwarz die Seiten. Punk trug Schwarz. Goth trug Schwarz. Die Mode übernahm Leder, Latex und körpernahe Materialien. Was einmal als anständig und zurückhaltend gegolten hatte, konnte nun ziemlich provokant wirken. Schwarz war plötzlich die Farbe derjenigen, die mit den Erwartungen anderer nicht besonders viel anfangen konnten.

Das ist die eigentliche Pointe dieser Geschichte: Das „Kleine Schwarze“ war nie wirklich klein. Es wurde lang oder kurz, eng oder weit, streng oder durchsichtig. Es tauchte als Jersey-Kleid auf, als Lederkleid, als Abendkleid, als Arbeitskleid. Es konnte bieder wirken oder gefährlich. Manchmal war kaum noch zu erkennen, ob es sich überhaupt noch um das handelte, was Chanel einmal damit gemeint hatte.

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Und heute?

Heute trägt man das „Kleine Schwarze“ mit Turnschuhen. Oder mit hohen Schuhen. Mit einem Blazer. Mit einer Lederjacke. Unter einem Mantel. Man trägt es zur Party und zum Abendessen, manchmal sogar am Tag. Es funktioniert, wenn man keine Lust auf Mode hat. Und genauso gut, wenn man sehr viel Lust darauf hat. Man zieht es an. Und geht.

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