Ankommen ist überbewertet

Man kann den Tag natürlich mit Sightseeing verbringen – man kann aber auch erst einmal ausgiebig frühstücken, ins Spa gehen und den Landgang getrost verschieben: Auf der neuen „Explora III“ ist beides eine ziemlich gute Idee.

Von Alexander Pfeffer

Noch ist sie die Jüngste: 2027 folgen „Explora IV“ und „Explora V“.

Am ersten Morgen steht der Kaffee auf der Terrasse der Suite. Vor mir liegt das Meer, hinter mir ein Zimmer, das eher an ein Fünf-Sterne-Hotel erinnert als an das, was man sich gemeinhin unter einer Schiffskabine vorstellt. Der Tag hat es nicht eilig – kein Termin, kein „Wir müssen los“, kein „Wir haben nur noch zehn Minuten“. Nur sitzen und auf das Wasser schauen.

Das ist auf einer Kreuzfahrt nicht unbedingt selbstverständlich; Kreuzfahrten haben schließlich schon seit Langem den Ruf, das Gegenteil davon zu sein: große Schiffe, viele Menschen, dicht getaktete Tage, möglichst viele Häfen in möglichst kurzer Zeit. Die „Explora III“ versucht, dieses Bild ziemlich konsequent zu ignorieren.

Die Reise beginnt in Kopenhagen und endet fünf Nächte später in Hamburg. Dazwischen liegen Aarhus, Lysekil und Oslo, außerdem ein ganzer Tag auf See. Auf dem Papier sind es fünf Stationen – an Bord fühlt es sich eher an wie ein Hotel, das jeden Morgen an einem anderen Ort aufwacht. Oder, wie Anna Nash, Präsidentin von Explora Journeys, es formuliert: „Vielleicht hat das beste Hotel keine ­Adresse.“ Ein Werbesatz, zweifellos – aber einer,
der sich an Bord schnell überprüfen lässt.

Das Hotel fährt mit

Die neue „Explora III“ ist mit 463 Suiten, Penthouses und Residences das bislang größte Schiff der Explora-Flotte und das erste der Marke, das mit Flüssigerdgas, LNG, betrieben wird; sie ist 268 Meter lang. Doch diese Zahlen erzählen wenig über das Gefühl an Bord – dafür muss man durch die Lobby gehen: Marmor unter den Füßen, Holz, Leder, Stoffe, Kunst. Über der asymmetrischen Treppe hängen eigens angefertigte Leuchten aus Murano-Glas. Viel Material, viel Raum, aber nichts wirkt überladen.

Es ist eher die Atmosphäre eines Hotels, in dem man gerade angekommen ist und noch nicht weiß, ob man hier überhaupt wieder hinauswill. Auch die Suite macht das Bleiben leicht: ­Bodentiefe Fenster öffnen den Blick zum Meer, die Terrasse wird zum privaten Außenraum. Es gibt einen Wohnbereich, eine Espressomaschine mit Illy-Kaffee, eine Minibar, die sich nach den eigenen Vorlieben bestücken lässt, und sogar ein Fernglas – denn das Meer ist hier nicht Hintergrund, es ist das Programm. Das ist vielleicht der eigentliche Unterschied zu dem Bild, das man von einer klassischen Kreuzfahrt im Kopf hat. Dort ist das Schiff selbst oft die große Bühne: Shows, Wasserrutschen, Wettbewerbe, Partys, Sport, Familienprogramm.

Auch auf der „Explora III“ lässt sich der Tag problemlos füllen. Schon um sieben Uhr beginnt das Programm mit Yoga, später folgen Pilates, Pickleball und Padel, dazu Coffee Club, Brettspiele, Afternoon Tea, Vorträge, Weinverkostungen, Trivia und am Abend Musik. Aber das Schiff muss nicht zum Ereignis werden – der Passagier ist das Ereignis.

Die zentrale Treppe wird im Atrium zum architektonischen Blickfang.

Meer voraus, Alltag zurück: Auf der „Explora III“ lässt sich der Tag ganz entspannt verbringen – ganz gleich, ob man sich in einen der drei beheizten Außenpools wagt oder lieber die Aussicht genießt.

Elegant eingedeckte Tische mit weißen Tischtüchern und Weingläsern im luxuriösen Restaurant Fil Rouge an Bord des Kreuzfahrtschiffs Explora III vor einer blauen Samt-Sitzbank und einem modernen Kunstwerk mit Quallen-Motiv.

Sieben Restaurants, sieben Konzepte: An Bord zählt die Vielfalt.

Raus aus dem Hotel

Am nächsten Morgen liegt die „Explora III“ in Aarhus, Dänemarks zweitgrößter Stadt. Wer sich für ihre Geschichte inte­ressiert, muss drei Meter tief hinabsteigen: Im Vikingemuseet geht es zu den Spuren des alten Aros; vor rund 1.200 Jahren lag hier die Wikingersiedlung, aus der später Aarhus wurde. Über den Spuren der Wikinger steht heute eine Sparkasse – Stadtgeschichte also, direkt unter dem Alltag. 20 Minuten später ist man im Kunstmuseum „ARoS“. Oben auf dem Dach führt Olafur Eliassons „Your Rainbow Panorama“ rund um das ­Gebäude, 150 Meter durch das gesamte Farbspektrum. Die Stadt liegt darunter, Hafen und Dächer wechseln mit jeder Farbe. Das Interessante ist nicht nur der Gegensatz zwischen Wikingerfund und Gegenwartskunst – es ist die Möglichkeit, beides an einem einzigen Vormittag zu sehen und danach wieder aufs Schiff zu gehen. Keine Koffer, kein Auschecken, kein neues Hotelzimmer.

Am nächsten Morgen ist man mit der „Explora III“ in Lysekil. Der kleine Ort an der schwedischen Westküste wurde 1847 zum Badeort und bald darauf zum Sommerziel der Stockholmer Gesellschaft. Heute geht es auch im Winter ins Meer – im Kallbadhus gehört das kalte Bad zum Alltag.

In Oslo ändert sich die Perspektive erneut: Norwegens Hauptstadt hat eine Vorliebe für Gebäude, die nicht ganz gerade sein wollen. Das Munch-Museum lehnt sich mit seinem oberen Teil über den Fjord – 60 Meter hoch, 13 Etagen, und je weiter man nach oben kommt, desto weiter reicht der Blick über Hafen und Stadt. Drinnen hängt Edvard Munch, draußen liegt Oslo. Am Holmenkollen geht es wenig später weiter nach oben; die Schanze gehört zu den Wahrzeichen der Stadt und ist seit mehr als hundert Jahren Schauplatz großer Skisprungwettbewerbe. Dabei begann die Geschichte erstaunlich improvisiert: Als 1892 der erste Wettbewerb stattfand, bestand die Schanze aus einem natürlichen Hügel, Schnee und Zweigen. 12.000 Zuschauer kamen trotzdem. Der Sieger sprang 21,5 Meter.

Und dann ist da noch der Tag auf See – kein Hafen, kein Ausflug, kein Programmpunkt, den man abhaken könnte; dafür das, was auf einer Reise sonst schnell knapp wird: Zeit. Man kann morgens erst einmal im Bett bleiben, später eine Runde schwimmen oder im Spa verschwinden. Der Ocean-Wellness-Bereich hat elf Behandlungsräume, dazu einen Hydrotherapie-Pool und den Thermalbereich. Für einen Seetag ist das eine ziemlich gute Adresse – und entsprechend gefragt.

Wer lieber draußen bleibt, hat ebenfalls die Wahl: Drei beheizte Außenpools gibt es an Bord, darunter den Erwach­senenpool Helios auf Deck 12. Der Conservatory Pool liegt unter einem ausfahrbaren Glasdach und bleibt damit auch bei schlechtem Wetter eine Option. Dazwischen liegen Whirlpools – und vor allem viel Platz. Man muss nichts reservieren, nichts organisieren und auch nirgendwo pünktlich erscheinen.

Auch beim Essen wird aus dem Seetag schnell ein eigener kleiner Tagesplan. Frühstück, später vielleicht ein Kaffee im Crema Café, Mittagessen im Med Yacht Club oder im Fil Rouge, am Abend dann ein Steak im Marble & Co. Grill oder asiatische Küche im Sakura. Dazu gibt es zwölf Bars und Lounges, von der Malt Whisky Bar bis zur Sky Bar ganz oben auf dem Schiff. Zum ersten Mal auf dieser Reise gibt es keinen Hafen, den man erreichen muss – nur einen Kurs, den jemand anderes hält.

13 Etagen für einen Künstler: das Munch-Museum direkt am Oslofjord.

Eröffnet neue Blicke auf Aarhus: Olafur Eliassons „Rainbow Panorama“.

Die Frau auf der Brücke

Wer diesen Kurs hält, sieht man auf der Brücke. Der Weg dorthin führt zunächst durch eine kleine Sicherheitskontrolle: Die Handys müssen abgegeben werden, Fotografieren ist nicht erlaubt. Dann öffnet sich die Tür zu einem Raum, der so modern und aufgeräumt ist wie der Rest des Schiffs – große Bild­schirme, Navigationsinstrumente, klare Linien; kein Messing, kein Kapitänskitsch.

Und dann hängt dort plötzlich dieser kleine Korb, mit Knoblauch, Chili und Salz. Der Korb gehört Captain Serena Melani. Seit 36 Jahren fährt sie zur See, heute als Senior Captain von Explora Journeys. Im Januar 2022 wurde sie als erste Kapitänin der Flotte eingesetzt. 670 Menschen arbeiten an Bord, ihre eigene Rolle beschreibt sie als die einer Dirigentin: Jeder habe seine Aufgabe – entscheidend sei, dass alles zusammenspielt. Ihre wichtigste Aufgabe aber sei die Sicherheit.

Der Korb ist dafür eine ziemlich gute Erinnerung daran, dass sich nicht alles mit Technik erklären lässt: Salz, Knoblauch und Chili gehören laut Melani zu einer italienischen Tradition gegen Unglück. Dazu trägt sie einen Aquamarin, den traditionellen Stein der Seeleute. Früher, erzählt sie, habe man Aquamarin als Geschenk für Neptun ins Meer geworfen. Auf den Bildschirmen läuft modernste Navigationstechnik, daneben hängt ein Korb gegen das Unglück – vielleicht ist das eine ziemlich gute Zusammenfassung dessen, was Seefahrt bis heute ausmacht: Man kann vieles berechnen, alles kontrollieren kann man nicht.

Am letzten Morgen fährt die „Explora III“ in Hamburg ein. Nach fünf Nächten endet die Reise so, wie sie begonnen hat: mit einer Stadt vor dem Fenster. Die Elbphilharmonie rückt am Wasser ins Blickfeld; heuer feiert das Konzerthaus sein zehnjähriges Bestehen. Man steigt aus und nimmt den Koffer mit. Das ist der Moment, in dem der Werbesatz von Anna Nash noch einmal auftaucht: Vielleicht hat das beste Hotel keine Adresse.

Wenn der Weg zum Luxus wird.

EXPLORA JOURNEYS ENTDECKEN

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